15. Januar 2020 Category Icon

Alte Gemüsesorten erhalten

Gemüse mit Charakter

Geschmack und Inhaltsstoffe statt Ertrag: Warum es sich lohnt, auf samenfeste Sorten zu setzen.

Alte Gemüsesorten erhalten
Foto: iStock

Sie sind die Verkaufsschlager im Regal von Christine Nagel: der Kohlrabi „Rasko“, der Weißkohl „Dottenfelder Dauer“, die Paprika „Pantos“ oder der Hokkaidokürbis „Red Kuri“.

Die stellvertretende Geschäftsführerin von „Kultursaat e. V.“ gerät ins Schwärmen, wenn sie über die unterschiedlichen Sorten redet: allesamt Gemüse mit Charakter. Wahlweise mit kräftigem Geschmack oder zart aromatisch, erfrischend anregend oder außergewöhnlich verträglich, ideal für die feine Küche oder eben doch für die bodenständige Variante. Vereine wie Kultursaat und Züchter wie Christine Nagel kümmern sich um das Kleinste, um Großes zu erreichen.

Seit 1994 sorgt sich der Verbund von 30 Züchtern auf biologisch-dynamischer Basis um samenfeste Gemüsesorten. In den vergangenen zehn Jahren hat tegut… den Verein mit mehr als 100 000 Euro unterstützt. „Wir machen uns für eine standortgebundene, bäuerliche Züchtung mit einer hohen genetischen Vielfalt stark“, sagt Solveig Wilshusen, Qualitätsmanagerin bei tegut… Über Jahrtausende haben die Menschen aus Wildpflanzen essbares Gemüse gezüchtet – aus der holzigen wilden Möhre wurde durch Auslese die heutige leckere Rübe; Wildkohl wurde zu Kohlrabi, Blumenkohl und Wirsing. So entstand über Generationen eine große Vielfalt. Diese zu erhalten, ist nur möglich, wenn die Sorten auch „nachbaufähig sind“. Wenn sie also ihre spezifischen Eigenschaften über den Samen an die nächste Pflanzengeneration weitergeben – oder anders gesagt – wenn sie „samenfest“ sind.

Alte Gemüsesorten sollen erhalten werden

Heute beliefern Konzerne den Markt aber nur noch mit in Laboren gezüchteten sogenannten Hybriden, selbst im ökologischen Landbau liegt deren Anteil bei 70 Prozent. Sie gewährleisten starkes Wachstum, makellose Einheitlichkeit in Form und Farbe – und enorme Erträge, die um ein Vielfaches höher sind als die von Nicht-Hybriden.

Das Problem ist, dass die Samen nur einmal verwendet werden können. So sind die Bauern gezwungen, den Samen Jahr für Jahr aufs Neue zu kaufen. Ein tolles Geschäftsmodell für die Konzerne – eine Katastrophe für die Vielfalt auf den Feldern. Nach Einschätzung der Welternährungsorganisation FAO gingen in den vergangenen hundert Jahren drei Viertel der noch um 1900 verfüg­baren Sortenvielfalt verloren. Einige Sorten wie Kohlrabi, Blumenkohl, Brokkoli oder Chinakohl sind fast nur noch als Hybride auf dem Markt.

Samenfeste Sorten

Spätestens seit den Debatten um genmanipuliertes Gemüse sind die Verbraucher sensibel geworden – und damit auch die Bauern. Die haben mit samenfesten Sorten zwar bis zu 30 Prozent weniger Ertrag, doch die Kunden zahlen dann gern auch ein paar Cent mehr pro Kilo. 70 von Kultursaat gezüchtete Sorten sind bis heute beim Bundessortenamt angemeldet und damit europaweit zugelassen. Verkauft und vertrieben werden sie von der Bingenheimer Saatgut AG. Mehr als eine halbe Million Euro steckt Kultursaat in die Züchtungsforschung. Das weiß auch tegut… Deswegen gehen 25 Cent pro ver­kaufter Samentüte an die Bingenheimer.

Das Ziel ist dabei klar: Es soll eine möglichst große Bandbreite an alten, samenfesten Gemüsesorten erhalten werden. Sorten, die nicht nur robust, aromatisch und besonders bekömmlich sind, sondern auch noch besonders lebendig und reich an Lebenskräften.

Samenfeste Sorten bei tegut…

Zurzeit sind Süßkartoffeln, Goldkiwi, Feldsalat, Endivien, Gran-Mix-Salat, bunte Salate und Rucola aus Italien im ­Sortiment. Dazu Kresse und gekochte Rote Bete (Demeter) aus Deutschland. Alles in Bio-Qualität.

Von Thomas Friemel