20. Oktober 2019 Category Icon

Ein Hoch auf die Alten

Fast vergessene Getreide-, Gemüse- und Obstsorten feiern eine Renaissance. Das hat nicht nur mit ihrem exzellenten Geschmack zu tun.

Alte Sorten
Lilafarbene Karotten, runzelige Rüben in Orange: Statt Hochleistungssorten, die alle gleich aussehen, ist wieder Individua­lität gefragt | Foto: Stocksy

Sie tragen Namen wie Apricot Brandywine, Magic Freak oder Roughwood Golden Tiger. Und sie sehen ungewohnt exotisch aus: Die alten Tomatensorten, die vom Verein Tomatenretter angebaut werden, sind auch mal gelb oder grün, eher länglich oder runzelig. Vor allem aber sind sie extrem lecker. Der Wunsch nach mehr schmackhaftem Gemüse und dessen Erhalt habe 2013 zur Gründung des Vereins geführt, sagt Arnd Niemeyer, einer von ungefähr 15 Tomatenrettern. Drei Gewächshäuser auf dem „Hof vorm Deich“, gelegen an einem Nebenarm der Elbe im Südosten Hamburgs, haben sie zu Rettungsinseln erklärt. Das Konzept: Gegen einen Förderpreis von fünf Euro im Monat kann jeder Pate einer Tomatensorte werden. Um Aufzucht und Pflege kümmert sich der Verein.

Karottensorte Purple Dragon | Foto: Shutterstock

Bislang klappt das gut. Denn was Niemeyer und seine Mitstreiter antreibt, wollen immer mehr Menschen in Deutschland: alte Sorten Obst, Gemüse oder Getreide genießen und Saatgut bewahren. Sie gründen Vereine mit Namen wie „Obstarche“ – und versuchen zum Beispiel alte und regionale Apfel- und Birnensorten zu erhalten. Andere kümmern sich um fast vergessene Kartoffelsorten wie das Bamberger Hörnchen. Oder sie versorgen sich mit der Karotte Purple Dragon, die eben nicht orange, sondern lila ist. Derartige Initiativen gibt es mittlerweile unzählige.

Alte Getreidesorten wieder im Trend

Längst hat dieser Trend auch die breite Masse der Verbraucher erreicht. Alte Getreidesorten wie Dinkel, Hartweizen, Einkorn und Emmer sind wieder etabliert. Und in den tegut… Märkten ist zum Beispiel zu beobachten, dass saisonale Wurzelgemüse-Angebote alter Sorten wie Pastinaken, Steckrüben, Topinambur, Maniok oder Möhrensorten wie Rodelika wieder stark gefragt sind. Nicht zuletzt ist der Trend auch in der Tierhaltung zu finden, wo vermehrt alte oder bedrohte Arten gezüchtet werden (siehe Kasten).

„Auch im Hinblick auf das sich ändernde Klima sind alte Sorten wichtig.“

Es geht nicht nur um den Erhalt von Geschmack. „Wir wollen seltene Sorten wegen ihrer individuellen Gene bewahren“, sagt Susanne Gura, Sprecherin des Bonner Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt. Diese Sorten seien aufgrund ihrer Genvielfalt in der Lage, auf ihre Umwelt zu reagieren. „Im Hinblick auf das sich ändernde Klima ist das wichtig.“

Wer sagt eigentlich, dass Tomaten immer rot und rund sind? | Foto: Stocksy

Doch der Genpool schrumpft. Bereits in den 1970er-Jahren hat die UN darauf hingewiesen, dass weltweit drei Viertel aller Nutzpflanzensorten verschwunden seien. Verloren gingen sie zugunsten einiger weniger Hochleistungssorten, meist sogenannte Hybride. Durch gezielte Züchtung vereinte man in ihnen Eigenschaften für die perfekte Vermarktung: gleichmäßiges Aussehen und gleichzeitige Erntereife, eine gute Lager- und Transportfähigkeit, schnelles Wachstum und hohe Erträge.

„Wir wollen seltene Sorten wegen ihrer individuellen Gene bewahren“

Hoher Ertrag klingt erst einmal gut. Doch das gilt nur im ersten Jahr. Anders als bei alten Sorten ist es nicht möglich, selbst aus den Früchten Saatgut zu gewinnen. Der Bauer muss nachkaufen – bei einem der zehn Konzerne, die fast den kompletten Markt für kommerzielles Saatgut und die passenden Pestizide beherrschen.

Viele Auflagen für Sortenvielfalt

Leicht gemacht wird es den Vielfaltrettern seitens der Politik nicht. Neben vielen Auflagen müssten die Sorten etwa gegen eine Gebühr in einer Sortenliste registriert werden, so Gura. „Das kostet einmalig 200 Euro plus 30 Euro jährliche Schutzgebühr.“ Kleine Hobby-Zusammenschlüsse könnten sich das oft nicht leisten, der Verkauf von nicht registriertem Saatgut ist aber illegal.

„Es geht uns um die alten Sorten, nicht ums Geld“

Verkaufen dürfen auch die Tomatenretter das Saatgut ihrer 148 Sorten nicht. Die Paten erhalten einmal im Jahr drei Kilo Früchte, um eigenes Saatgut zu gewinnen. Erlös erzielt der Verein sonst nur aus dem Ertrag, den ihre 2000 Stauden bringen. Einmal in der Woche verkaufen sie an ihrem Stand im szenigen Schanzenviertel Kennenlernportionen für fünf Euro das halbe Kilo. Groß sind die Ein- nahmen nicht, wichtiger ist die Aufklärung. „Es geht uns um die alten Sorten, nicht ums Geld“, sagt Arnd Niemeyer. Ihr guter Geschmack sei dafür Motivation genug.


Gutes altes Vieh

Bei tegut… entschied man sich schon in den 1990er-Jahren gegen Schweinefleisch von Rassen, die auf mageres Fleisch und eine Rippe mehr gezüchtet sind. Die Marke tegut… LandPrimus setzt auf eine Kreuzung mit der alten, stressresistenten Rasse Duroc. Das Fleisch hat einen höheren Anteil intramuskulären Fetts und ist darum besonders zart und saftig. 2018 wurde es von der Deutschen Landwirtschafts- Gesellschaft erneut mit Gold ausgezeichnet. Mit der Förderung des Vereins Rhöner Biosphärenrind e. V. will tegut… zudem helfen, die alten Rassen Rhöner Fleckvieh und Gelbes Frankenvieh zu erhalten. Das Bio-Rindfleisch aus dieser Initiative ist regional in mehr als 30 tegut… Märkten mit Frischetheke erhältlich. tegut.com


Von Christian Sobiella

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