10. Februar 2021 Category Icon

Andrea Gerk Kolumne

Lob der schlechten Laune

Sie ist viel besser als ihr Ruf, findet Kolumnistin Andrea Gerk und verteidigt eine unterschätzte Gemütslage, ohne die das Leben nur halb so lustig wäre.

Andrea Gerk
Foto: Wassilios Nikitakis

Früher war schlechte Laune nichts besonderes

Gegen Ende meiner Schulzeit arbeitete ich ein paar Wochen im Kiosk am Badesee, um Geld für den ersten elternfreien Urlaub zu verdienen. Die Warteschlange davor war eine Art Gravitationszentrum negativer Energien. Wellenartig schaukelte sich der Unmut hoch, alles, was ansonsten unterdrückt werden musste, entlud sich in wüsten Beschimpfungen der Gäste untereinander. War alles gesagt, gab man sich wieder seinen Urlaubsgefühlen hin. Als wäre nichts gewesen. Was genau genommen auch stimmte. Denn damals, „als unsere Väter brummelige, schweigsame Männer waren, die immer arbeiteten und selten Verständnis für die Wünsche ihrer Kinder hatten“, erinnert sich die Musikerin Christiane Rösinger, damals schien niemand schlechte Laune besonders bemerkenswert zu finden.

„Wir leben in einer Diktatur der Positivität.“ Tobias Haberl

Heute muss man schlechte Laune rechtfertigen

Heute hingegen kann man kaum noch in Ruhe granteln, für jede Stimmungsflaute muss man sich rechtfertigen. Glaubt man der boomenden Ratgeberliteratur, sollte das Leben eine einzige Glücksspirale sein. „Wir leben in einer Diktatur der Positivität“, schimpfte der Journalist Tobias Haberl in der „Süddeutschen Zeitung“, „alles Dunkle soll hell, alles Gefährliche abgeschafft, alles Triebhafte reguliert, alles Melancholische heiter gemacht werden.“ Die schlecht gelaunte Hälfte passt einfach nicht mehr ins kollektive Wohlfühlimage, sie ist – genau wie Heimweh, Sehnsucht oder Langeweile – zu einer altmodischen Angelegenheit für komische Käuze geworden.

Schlechte Laune als Wohltag

Dabei kann schlechte Laune eine Wohltat sein! Ein Schutzschild angesichts der Zumutungen dieser Welt! Und die gibt es immer, auch wenn gar nichts Besonderes passiert. Eigentlich ist es sogar am allerschönsten, sich ohne besonderen Anlass dieser Stimmung hinzugeben. Fährt einem der Bus vor der Nase weg, platzt die Einkaufstüte oder steht die betriebsinterne Weihnachtsfeier vor der Tür, ist es kein Kunststück, schlecht gelaunt zu sein.

Kolumne Andrea Gerk
Illustration:  Jan Robert Dünnweller

Derartige Allerweltsärgernisse animieren allenfalls das unterste, anspruchsloseste Unmutslevel. Wer dagegen schon etwas Übung und Ausdauer mitbringt, weiß, dass Missmut gerade dann am schönsten ist, wenn er sich scheinbar grundlos einstellt: Ein von milder Düsternis durchdrungener Echoraum auf die Beschwernisse des Daseins. Ein heimeliger Zustand, geradezu meditativ und überraschenderweise häufig eine sehr inspirierende Stimmung.

Bekannte unzufriedene Schnelldenker

Vermutlich deshalb ist schlechte Laune die Grundtemperatur der unzufriedenen Schnelldenker, der besessenen (Lebens-)Künstler und Alltagsanarchisten, die äußerlich zwar griesgrämig, kantig und grau erscheinen mögen, in ihrem Inneren aber von einem funkelnden Feuerwerk angetrieben werden. Man denke nur an Arthur Schopenhauer und Thomas Bernhard, Ex-Kanzler Helmut Schmidt, Ekel Alfred und Josef Hader, Jack Nicholson, Dagobert Duck und Charlie Brown. Seit Daniel Craig ihn spielt, sogar Geheimagent 007 alias James Bond. Und natürlich sämtliche „Tatort“-Kommissare – was belegt, dass kaum etwas unterhaltsamer ist, als anderen dabei zuzusehen, wie sie sich durchs Leben muffeln.

„Bei allem Brauchbaren, was ich je produziert habe, erinnere ich mich genau an meine schlechte Laune“, schreibt der vielfach ausgezeichnete Künstler und Illustrator Christoph Niemann unter eine seiner Zeichnungen. „Schlimmer noch: Wenn mir die Arbeit Spaß macht, bin ich sofort misstrauisch, denn ich weiß, da kann nichts Gutes rauskommen.“ Wer gut drauf ist, schreibt keine „Kritik der reinen Vernunft“, sondern kauft sich ein Eis und legt sich in die Hängematte. Oder wie mir der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann sagte: „Wer sich freut, denkt nicht.“

„Wer sich freut, denkt nicht.“

„Schlechte Laune hat ein schlechtes Image – warum eigentlich?“, twittert der Ratgeberautor Wilhelm Schmid. „Wo doch damit mühelos andere auf Distanz zu halten sind!“ Wer grummelig und miesepetrig ist, will seine Ruhe haben, vor anderen und nicht zuletzt vor sich selbst. Um zu diesem einfachen Bedürfnis stehen zu können, braucht es ein gesundes Selbstbewusstsein und den Mut, auch mal anzuecken.

In diesem Sinne ist schlechte Laune ein kleiner Luxus in unserem ansonsten so reibungslos freundlich verlaufenden Alltag. Von dort, wo sich nach dem Gefühlssturm eine tiefe Ruhe ausbreitet, kann es wieder losgehen mit dem Alltag-Organisieren. Denn das Schönste an der schlechten Laune ist, sagt meine Tochter, dass man nachher keine mehr hat. Zumindest erst mal.

Andrea Gerk

Die Radiojournalistin und Theaterkritikerin verfasste ihr Buch „Lob der schlechten Laune“ (keinundaber.ch) auf Rat eines Freundes: „Schreib das doch mal, davon verstehst du wenigstens was.“ Das hat ihr dann aber sehr viel Spaß gemacht. So viel, dass zuletzt erschien: „Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen“. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

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Von Andrea Gerk

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