10. Dezember 2021 Category Icon

2022: Kluge Gedanken um unsere Zukunft

Das wird unser Jahr

Ob kleine Vorsätze oder große gesellschaftliche Aufgaben: Am besten legt man zuversichtlich los. Wir haben sechs Menschen gefragt, die sich kluge Gedanken um unsere Zukunft machen, was 2022 passieren muss, damit es ein gutes Jahr wird. Hier sind ihre inspirierenden Antworten.

Sarah Wiener
Sarah Wiener ist Köchin, Autorin, Unternehmerin und parteilose Abgeordnete der österreichischen Grünen im Europaparlament.

Köchin und Autorin Sarah Wiener

Frau Wiener, was muss passieren, damit 2022 aus Ihrer Sicht ein gutes Jahr wird?
Man weiß inzwischen, dass sich Pestizide, Zusatzstoffe und stark verarbeitete Lebensmittel schädlich auf das Mikrobiom des Menschen auswirken, also auf die kleinsten Lebewesen im Körper wie Bakterien und Pilze, und so unsere Gesundheit beeinträchtigen können. Deshalb sollte der Verarbeitungsgrad in die Lebensmittelkennzeichnung einfließen, etwa in den Nutri Score. Ein tolles Jahr 2022 wäre es für mich auch, wenn bei den Lebensmittelpreisen endlich alle relevanten Kosten eingepreist würden, also auch die Kosten für die Umwelt und die Ausbeutung der Tiere.

Was können die Leser und Leserinnen selbst tun?
Das Sinnvollste ist, frisch, ökologisch und vielfältig selbst zu kochen und anderen das Kochen beizubringen. Wieder mehr einzuwecken und vorzukochen, erleichtert den Alltag. Meine Devise: Kauf und iss nichts, was du nicht eins zu eins in deiner Küche nachkochen könntest!

Was erwartet Sie in Ihrem Gartenjahr?
Das Jahr wird gut, wenn das Wetter gut wird: alte Bauernweisheit! Ich habe in den letzten Jahren viele alte Obst- und Gemüsesorten angebaut. Und ich freue mich über viele Wildkräuter, die immer noch sehr unterschätzt werden.

Was sind Ihre persönlichen Ziele?
Ich möchte gern ein paar wichtige Gesetzestexte zu „Farm to Fork“ – der „Hof auf den Teller“-Strategie der EU – mitverhandeln. Dies könnte ein entscheidender Schritt zu einer nachhaltigen Nahrungsmittelkette sein. Persönlich wünsche ich mir mehr Muße und Zeit für Familie und Freunde. Und perfekt wäre die eine oder andere längere Wanderung in der halb

Kauf und iss nichts, was du nicht eins zu eins in deiner Küche nachkochen könntest!

Sabine Werth
Sabine Werth ist Ideengeberin und Gründerin der Berliner Tafel, der ersten Tafel bundesweit | Foto: Berliner Tafel, Dietmar Gust

Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel

„Ein gutes Jahr ist für mich, wenn wir mit der Berliner Tafel unsere Arbeit gut machen können – und sowohl bedürftige Privathaushalte als auch soziale Einrichtungen mit dem Lebensnotwendigen unterstützen. Dazu brauchen wir ausreichend Lebensmittelspenden. Während der Zeit des Lockdowns mussten rund 40 Ausgabestellen schließen.

Wir haben in Windeseile umgeplant, Lebensmitteltüten gepackt und an die Wohnungstüren gebracht. 1.500 Ehrenamtliche hatten sich neu bei uns gemeldet und haben uns unterstützt. Viele haben die Tüten mit dem Rad ausgeliefert. Das macht uns unglaublich stolz. Die Pandemiezeit hat uns gezeigt: Egal, was passiert, wir sind aktiv und kreativ. Dieses Selbstbewusstsein nehmen wir mit ins neue Jahr: Auch wenn wir nicht wissen, was am nächsten Tag oder sogar in der nächsten Stunde sein wird: Wir finden Lösungen!

Auf unser Land bezogen wünsche ich mir eine Ernährungswende. Das ist nicht nur ein Thema für die Landwirtschaft, sondern das betrifft ganz viele Bereiche, auch Gesundheit und Bildung. So ist etwa Fleisch zu günstig und Gemüse zu teuer. Das muss sich ändern. Denn dann können sich auch Menschen mit geringem Einkommen gesünder ernähren.

Die oft diskutierte Mindesthaltbarkeit gehört endlich abgeschafft, sie trägt zur Lebensmittelverschwendung bei. Die vergangenen beiden Jahre haben gezeigt, wie stark der soziale Zusammenhalt sein kann. Doch wir brauchen auch Solidarität, wenn die Not vorbei ist. Wir müssen einander stärker sehen, aufeinander hören und uns gegenseitig unterstützen. Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht weiter auseinanderklaffen.

Für mich persönlich wird’s ein gutes Jahr – nicht nur als Vorstandsvorsitzende der Berliner Tafel, sondern auch als Inhaberin eines Familienpflege-Unternehmens –, wenn ich auch 2022 Zeit finde, eine Woche Auszeit im Kloster zu nehmen. Das gibt mir Kraft!“

Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht weiter auseinanderklaffen.

Christian Uhle
Christian Uhle ist Philosoph und Zukunftsforscher. Er beschäftigt sich intensiv mit Themen wie dem Sinn des Lebens, Freiheit und digitalem Wandel. Im April erscheint sein erstes Buch beim S. Fischer Verlag | Foto: Alexander Hoffmann

Christian Uhle, Philosoph und Zukunftsforscher

„In der Zukunftsforschung nennt man Ereignisse wie Covid eine ,Wild Card‘ – eine Karte, die plötzlich alles auf den Kopf stellt. Leider ist die Aufbruchsstimmung vom Beginn der Pandemie erstickt in kleinteiligen Debatten um Inzidenzen und Co. Wir können dieses historische Fenster besser nutzen! Ich denke darüber nach, wie wir privat und gesellschaftlich besser mit Zufällen umgehen könnten. Wir müssen lernen, nicht alles strikt kontrollieren zu wollen und eher in Möglichkeitsräumen zu denken – sei es bei der Urlaubsplanung oder wirtschaftlich. So könnten wir resilienter werden gegenüber Turbulenzen.

Kinderbetreuung war 2021 ein großes Thema. In den meisten Haushalten um mich herum arbeiten beide Elternteile. Der wichtige Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt war eben nicht damit verbunden, dass Männer Stunden reduzierten. So wurden Haushalt und Kinderbetreuung in die Wochenenden oder Feierabende verdrängt. Covid hat dieses fragile System sehr sichtbar gemacht. Für mich eindeutig ein Grund, stärker über Teilzeitmodelle nachzudenken.

In Zeiten des biologischen Virus konnten etwa Videokonferenzen vieles abfedern. Ganz auf Digitalisierung zu vertrauen, wäre aber gefährlich. Ebenso könnte ein digitales Virus einschlagen. Doppelte Infrastrukturen
– analog und digital – mögen erst mal ineffizient wirken, machen uns aber widerstandsfähiger. Das sind nur drei von vielen Feldern, auf denen Strukturen sichtbar geworden sind, über die wir meist nicht näher nachdenken.

Für mich ist das kommende Jahr ein gutes, wenn ich und wenn wir uns die Zeit nehmen, um bewusst Weichen für die Zukunft zu stellen. Dafür braucht es Räume, etwa in Form von Bürgerräten. Aber Demokratie beginnt schon im Kleinen – und sei es bei einem Gespräch in der Kneipe oder auf einer Bahnfahrt. Mit mehr Mut zum Dialog können wir Zukunft gestalten, anstatt ihr hinterherzurennen. Mehr Philosophisches: christian-uhle.de

Demokratie beginnt schon beim Gespräch auf einer Bahnfahrt.

Fynn Kliemann
Fynn Kliemann ist Musiker, Webdesigner, Unternehmer, YouTuber und einiges mehr. 2020, auf dem Höhepunkt der Pandemie, nähte sein Textilunternehmen in Portugal wöchentlich bis zu 75.000 Masken, die vor allem an Schulen und andere bedürftige Einrichtungen gingen | Foto: Thomas Bönig

Musiker, Webdesigner und YouTuber Fynn Kliemann

Was ist für Sie ein gutes Jahr?
Ein gutes Jahr ist für mich, wenn ich Dinge verwirklichen kann. Wenn Sachen, die vorher unvorstellbar waren, Realität werden. Je mehr, desto besser! Mit neuen Leuten, die in den Kreis hinzukommen und zu Freunden werden.

Was haben Sie konkret für 2022 geplant?
Das „Kliemannsland“, unsere Spielwiese rund um einen alten Gasthof in Niedersachsen, wird immer mehr zum Zuhause für kreative Menschen und ihre Ideen. Wir sind inzwischen ein großes Team, haben eine Halle, ein Kochstudio und vieles mehr. Viele Leute kommen zu Kursen und zum Feiern. Dann werden wir in ganz Deutschland
weiter Immobilien kaufen, die keiner haben möchte, und zu Ferienwohnungen umbauen.

Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit?
Wir möchten CO2-Neutralität erreichen – erzeugen eigenen Strom, fangen Regenwasser auf, haben E-Fahrzeuge angeschafft, die Heizungsanlage auf Pellets umgestellt. Wir produzieren die Klamotten unseres Labels „oderso“ fair und nachhaltig in Portugal und verschiffen sie CO2-neutral.

Sie reden nicht nur, sondern machen. Haben Sie einen Tipp: Wie kann man sich motivieren, loszulegen?
Das ist nicht so einfach, denn die Motivation muss aus einem selbst kommen. Und dann ist es wichtig, dass man bei der Erfüllung seiner Träume und Pläne niemandem schadet, sondern im Blick behält, dass alle davon profitieren. 2022 will ich mir persönlich mal etwas mehr Leerlauf gönnen. In der Langeweile entstehen die besten Ideen!

Es ist wichtig, dass man bei der Erfüllung seiner Träume und Pläne niemandem schadet.

Sonja Walke
Sonja Walke hat 2017 den Blog „Tiny Green Footsteps“ gegründet. Darin schreibt die heute 22-Jährige über grüne Alternativen, gibt Tipps und informiert auf der Basis sorgfältiger Recherche.

Bloggerin Sonja Walke

Frau Walke, was muss passieren, damit 2022 ein gutes Jahr für Sie wird?
Ich beschäftige mich viel mit dem Thema Fast Fashion. Jede Woche eine neue Kollektion zu präsentieren: Das
sollte vorbei sein. Die Unternehmen müssen umsteuern.

Was wäre eine Alternative?
Beim Entwickeln eines Kleidungsstückes schon das Ende mitzudenken. Mischfasern lassen sich zum Beispiel schlecht recyceln. Da ist es schon besser, ein T-Shirt aus 100-prozentiger Baumwolle herzustellen. Das sollte nach einer Tragezeit von fünf bis sechs Jahren aber nicht zum Putzlappen degradiert werden, sondern seine Wertigkeit behalten, etwa als Mütze.

Wie kann man weniger Klamotten kaufen und trotzdem top angezogen sein?
Was Spaß macht, ist das Projekt 333: Für einen Zeitraum von drei Monaten habe ich maximal 33 Kleidungsstücke im Schrank. Oft denkt man ja, ich kann diese Hose nur anziehen, wenn ich mir noch etwas dazukaufe. Aber das stimmt nicht. So probiert man Sachen zusammen aus und die ergeben überraschend einen tollen Look.

Was nehmen Sie sich sonst für das neue Jahr vor?
Ich mache meinen Abschluss in Kommunikationswissenschaft. Das soll gut werden! Und dann möchte ich reisen, einmal mit dem Zug durch Europa. Ich bin das letzte Mal mit acht Jahren geflogen. Trotzdem könnte mein ökologischer Fußabdruck kleiner sein. Man kann immer optimieren, aber ich möchte mich auch nicht so sehr einschränken, dass es keinen Spaß mehr macht.

Was raten Sie Menschen, die 2022 nachhaltiger leben möchten?
Nicht alles auf einmal zu beginnen. Wenn man sich vegan ernähren möchte, sollte man nicht zugleich auf unverpackte Waren umstellen. Beides zusammen ist superschwer, man schmeißt eher hin. Also: an manchen Stellen Kompromisse machen – und erfahren, wie schön es ist, etwas ändern zu können, so klein es auch ist.

Für drei Monate habe ich maximal 33 Kleidungsstücke im Schrank.

Gerald Hüther
Der Neurobiologe und Bestsellerautor Gerald Hüther setzt sich in seinen Büchern und Vorträgen unter anderem dafür ein, dass neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung in der Pädagogik mehr berücksichtigt werden | Foto: Michael Liebert

„Wenn ich Zeit habe, setze ich mich gern unter einen Baum und denke nach. Im vergangenen Jahr hatte ich sehr viel Zeit. So viel, dass ich nicht nur nach- sondern auch vorausdenken konnte. Und da habe ich mich gefragt, was aus unseren Schulen werden soll, wenn dort in Zukunft alles so weitergeht wie bisher. Wie kann es so weit kommen, habe ich mich gefragt, dass so viele Eltern ihre Kinder in Schulen schicken, in denen die meisten von ihnen genau das verlieren, was sie zum Lernen am allermeisten brauchen: ihre Freude am Lernen. Was soll aus diesen Kindern werden, die sich anfangs noch auf die Schule freuen, später Angst vor der Schule haben und sie
mit ,null Bock aufs Lernen‘ verlassen?

Wir brauchen dringend einen Kurswandel, habe ich gedacht. Und am leichtesten herbeiführen lässt sich so ein Wandel, wenn sich diejenigen, denen eine glückliche Zukunft der Heranwachsenden am Herzen liegt, zusammenschließen. Die Schülerinnen und Schüler brauchen nicht noch mehr Unterricht, noch mehr Leistungsdruck
und noch mehr Kontrollen, sondern ein starkes und verlässliches Bündnis von Eltern, Pädagogen und all jenen Bürgerinnen und Bürgern, die sich in ihrer Schule vor Ort dafür einsetzen, dass keinem Kind die angeborene Freude am Lernen verloren geht.

Deshalb habe ich mit einigen Verbündeten die Initiative ,LernLust.JETZT‘ aufgebaut. Das ist das Beste, was ich im vergangenen Jahr gemacht habe. Nun hoffe ich, dass 2022 in jedem Dorf und jeder Stadt solche Ortsbündnisse entstehen. Sie sollen die verantwortlichen Personen dabei unterstützen, die Lernfreude ihrer Schüler wiederzuerwecken und zu beflügeln. Denn wer seine Freude am Lernen verliert, verliert auch seine Freude am Leben. Mehr zur Initiative: lernlust.jetzt

Wir müssen etwas dafür tun, damit sich Kinder auf die Schule freuen!

Von Sabine Henning

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