5. August 2019 Category Icon

Ja? Nein? Dies oder lieber das?

Unseren Kolumnisten AXEL HACKE quält ein Problem: Er kann sich nie entscheiden. Und wünscht sich einen Automaten, aus dem er notfalls ein paar Entschlüsse ziehen kann.

Illustration: Zsuzsanna Ilijin

Das Leben ist voller Weggabelungen, ständig muss man sich entscheiden: links, rechts, Mitte, stehen bleiben, zurück oder mit dem Kopf durch die Wand? Frühmorgens: Kaffee, Tee? Semmeln, Toast? Kein Problem an manchen Tagen, doch an anderen – huuuuh. An anderen Tagen bin ich so entscheidungsschwach, dass ich abends noch in der Küche stehen könnte, und wenn spät meine Frau käme und fragte, was ich tue, müsste ich sagen: Ich überlege, ob ich Kaffee oder Tee zum Frühstück trinken soll. Das kannst du dir doch morgen früh überlegen, würde sie sagen. Nein, antwortete ich, es geht um das Frühstück von heute. Konnte mich nicht entscheiden.
An so einem Tag saß ich mal mit einer Bekannten im Kaffeehaus. Sie fragte: Bist du gerne ein Mann? Ich verfiel in tiefes Grübeln über die Vorzüge des Mannseins und die des Frauseins. Antwort gab ich nicht. Wenn ich vor meiner Geburt an einem solchen Tag hätte entscheiden müssen, ob ich Junge oder Mädchen sein möchte – ich wäre noch nicht geboren. Oder geschlechtslos. Gott sei Dank ist das eine Entscheidung, die man nicht selbst treffen muss. Andererseits haben wir hier einen Beweis dafür, dass der Mensch in den wichtigen Dingen des Lebens nichts zu sagen hat.

Ein Entscheidungsträger als ständiger Begleiter

Wir quälen uns mit Kleinigkeiten. Die nimmt uns Entscheidungsschwachen keiner ab. Da sitzen wir vor Riesenspeisekarten und fragen uns, was wir bestellen möchten. Da hocken wir vor Fernsehern mit hundert Programmen, vor tausendundeins Urlaubsprospekten, vor Regalen mit Millionen Büchern und – weiß nicht, weiß nicht. Lauter Esel zwischen lauter Heuhaufen, hungrige, willenlose Esel. An solchen Tagen möchte man zum Kellner sagen: Entscheiden Sie für mich, ich verhungere sonst. Oder man wünscht sich einen Entscheidungsträger zur Seite wie einen Butler. Er müsste alle Entscheidungen treffen, natürlich stets in unserem Sinne.

Entscheidungen aus dem Automaten

Oder man stellt sich vor, es gäbe an den Hauswänden des Viertels Entscheidungsautomaten,
aus denen man Entscheidungen packungsweise zöge wie Zigaretten oder Kondome. (Abends sagt einer dann zu seiner Frau: Ich gehe mal schnell Entscheidungen holen. Und holt Entscheidungen, eine vor allem. Und kommt nie wieder. Das gäbe es dann auch.) Oder man würde an entscheidungsstarken Tagen Entscheidungen auf Vorrat treffen für die schwachen Zeiten, so wie man im Sommer Obst einkocht für den Winter.

Als Kind dachte ich: Es gibt für jedes Leben ein kleines oder großes Buch, in dem alles, was geschehen wird, schon vorher detailliert drinsteht, wie im Drehbuch für einen Film. Aber keiner könnte reingucken in sein Buch, dachte ich damals. Eine subtile Gemeinheit eigentlich, denke ich heute, jedenfalls für Entscheidungsschwache. Man plagt sich, dabei ist alles längst entschieden. Unsere Aufgabe ist nur, drauf zu kommen.

Aber wenn es so wäre … Jedem von uns müsste es dann schon mal passiert sein, dass er sich anders entscheidet als im Lebensbuch vorgesehen, in einem simplen Moment der Auflehnung, des Gefühls künstlerischer Freiheit. Dann hätte es einen Anruf geben müssen, von oben oder unten, das Gebrüll eines Regisseurs: Was machen Sie?! Was erlauben Sie sich?! Gab es aber nie. Es sei denn, es wäre wirklich wie in der „Truman Show“, und alle um mich herum wüssten Bescheid, auch meine Frau, nur ich nicht.

Würden mich sanft, unmerklich steuern. Und mein Leben, mein Denken, mein Fühlen fände
öffentlich statt, vielleicht in einem Film, vielleicht auch in einer Zeitungskolumne oder in einem Buch. Dann müssten ja viele Menschen von mir wissen, wie ich wirklich bin, fällt mir gerade ein, wie schrecklich entscheidungsschwach an manchen Tagen. Dass ich zum Beispiel nicht einmal genau weiß, ob ich gern ein Mann bin – peinlich. Wirklich eine absurde Idee!

Kolumnist Axel Hacke

Axel Hacke
Foto: Stefan Randlkofer

„Aus dem Schweren etwas Leichtes zu machen“ sieht der Autor
und Journalist als seine Aufgabe an.

Seit 25 Jahren tut er das jede Woche in einer Kolumne für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Höchst unterhaltsam – auch als Hörbuch – ist die Sammlung „Das kolumnistische Manifest: Das Beste aus 1001 Kolumnen“, zuletzt erschien das ungewohnt ernsthafte Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten …“ (beide Kunstmann Verlag). Axel Hacke hat vier Kinder und lebt mit seiner Familie in München und im Chiemgau. Lesungstermine finden sich auf axelhacke.de

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Von Axel Hacke

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