17. August 2020 Category Icon

Kolumnistin Dora Heldt über den Zehnminutentakt

Nur 10 Minuten!

Wahnsinn, was sich in dieser kurzen Spanne alles ruck, zuck schaffen lässt. Unsere Kolumnistin Dora Heldtfindet es aber doch schöner, ihr Leben entspannt zu verbringen.

Kolumnistin Dora Heldt
Kolumnistin Dora Heldt | Foto: Gunter Glücklich

Als ich neulich gefragt wurde, ob ich mal eben zehn Minuten Zeit hätte, die­se Kolumne zu schreiben, habe ich sofort Ja gesagt. Das bekommt man doch immer in seinem Tagesablauf unter, fand ich, was sind schon zehn Minuten? Eigentlich nichts – trotzdem kann man sehr viel in dieser Zeit schaffen, wenn man weiß, wie es geht. Gerade für ungeduldige Menschen mit vollen Terminplänen gibt es inzwi­schen ja jede Menge Methoden und Ratschläge, die zeigen, wie man in seinem Alltag effektiv und sinnvoll alle wichtigen Dinge in nur wenigen Minuten erledigen kann.

Zehn Minuten – eine häufige Zeitangabe

Am häufigsten wird tatsächlich der Zeitaufwand von zehn Minuten vorgegeben. Ich mag ja diese Zahl, haben wir doch zehn Finger, befolgen die Zehn Gebote, kennen die zehn biblischen Plagen und wissen, dass die Rückennummer Zehn im Fußball den Spielmacher kennzeichnet. Außerdem bin ich an einem Zehnten geboren, nicht zuletzt deswegen ist das meine Glückszahl, aber das wirklich nur nebenbei. Vielleicht ist mir grad deshalb aufgefallen, wie oft diese Spanne empfohlen wird, um sein Leben zu optimieren.


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In zehn Minuten sein Leben optimieren

Meine Rücken- und Nackenschmerzen zum Beispiel: Ich brauche die Übungen eigentlich nur jeden Tag zehn Minuten lang durchzuturnen, schon bin ich alle Beschwerden los. Und wenn ich dann noch zehn Minuten spazieren gehe und anschließend ein paar Atemübungen mache, habe ich jeden mentalen Stress auch gleich noch abgebaut. Nicht wesentlich länger bräuchte ich, um mein schlechtes Gewissen bezüglich meiner Unsportlichkeit loszuwerden. Es gibt jetzt nämlich Blitz-Workouts, in denen man zehn Minuten lang sehr schnelle Wiederholungen absolviert. Die letzte Übung heißt mit Recht „Toter Käfer“. Trotzdem werde man sich nach nur wenigen Tagen sehr sportlich und durchtrainiert fühlen, heißt es.

Dora Heldt Kolumne Zehn Minuten
Illustration:  Ari Liloan

Achtsamkeit lernen in zehn Minuten

Zehn Minuten sollen ja auch genügen, um Achtsamkeit zu erlernen, habe ich mal gelesen. Wenn ich sie aufwende, um kurz die Natur zu genießen, abends auf den Tag zurückzuschauen oder auch ein wenig zu meditieren, erlange ich ruck, zuck ein ganz anderes Bewusstsein. In doch sehr kurzer Zeit! Sie ahnen es: Auch das zehnmi­nütige tägliche Üben eines Musikinstruments wirkt Wunder, genauso erfolgreich kann auch das Erlernen einer Sprache mit diesem Zeitaufwand sein, ebenso gilt das für Gedächtnistraining, Schreib- und Sprechtechniken oder läuferische Kondition. Jedenfalls suggerieren diverse selbst ernannte Fachleute das mit Nachdruck.

Allerdings frage ich mich gerade, warum wir das eigentlich machen sollen: alles das in zehn Minuten. Ich habe in diesem Frühjahr gelernt, dass plötzlich alle Pläne und Termine unwichtig werden können – ich hatte sehr viel Zeit in diesen Lockdown-Monaten. Und dabei habe ich festgestellt, dass es durchaus beruhigend und erfüllend sein kann, in aller Ruhe und stundenlang zu kochen, statt immer husch, husch. Dass lange Spaziergänge in der Natur gut für die Seele sind, genauso wie lange Gespräche, dass man auch stundenlang Musik hören und noch länger lesen kann. Also warum bitte sollen wir uns überhaupt im Zehnminutentakt durchs Leben hetzen lassen? Außerdem bleibt nach diesen vielen Effizienz-Blitzprogrammen am Tag doch gar nicht so viel Zeit übrig – wenn man all die zehn Minuten summiert, ist der Tag nämlich auch rum.

Am liebsten mache ich mal zehn Minuten lang gar nichts.

Ach, übrigens, von wegen, eben mal schnell zehn Minuten diese Kolumne schreiben – es hat dann doch länger gedauert. Ich mache jetzt nämlich alle Dinge in Ruhe, mit ausgiebig Zeit und ohne Druck. Und ich sage Ihnen, das fühlt sich sehr gut an. Am allerliebsten setze ich mich zwischendurch einfach mal zehn Minuten hin und mache nichts. Gar nichts. Einfach so. Zehn Minuten lang. Und wenn Sie etwas ganz Verrücktes machen wollen, dann probieren Sie das sogar mit zweimal zehn Minuten aus. Die doppelte Zeit, ganz ohne Stress. Dann klappt es auch mit dem entspannten Leben, versprochen.

Kolumnistin Dora Heldt

1961 auf Sylt geboren, lebt sie heute mit ihrer Familie in Hamburg. All ihre Bücher erklimmen die Bestsellerlisten, sogar das erste im Jahr 2006. Einige wurden verfilmt, viele hat sie als Hörbücher selbst eingesprochen. Auch aus den schönsten Texten ihrer langjährigen Kolumne in der „Für Sie“ wurden Bücher, das vierte davon, „Alles eine Frage der Perspektive“, ist gerade bei dtv erschienen. dora-heldt.de

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Von Dora Heldt

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