6. März 2020 Category Icon

Gemüseinsel Reichenau im Bodensee

Da haben Sie den Salat

Wie aus einem jahrtausendealten Gärtlein eine starke Marke und ein Qualitätsführer auf dem deutschen Gemüsemarkt wuchsen.

Genossenschaftschef Johannes Bliestle
Genossenschaftschef Johannes Bliestle bringt nicht nur diese Prachtexemplare des Klassikers Kopfsalat täglich frisch auf den Markt, sondern auch die Produkte von rund 70 Familienbetrieben auf der Gemüseinsel Reichenau im Bodensee | Foto: Vera Hartmann

Zärtlich wiegt Christof Deggelmann ein Stück Weltkulturerbe in der Hand, es ist ungefähr 450 Gramm schwer und grün, kommt direkt aus der Erde, glänzt aber blitzsauber. Ein Kopfsalat. Aus Gärtner Deggelmanns Gewächshaus auf der Boden­seeinsel Reichenau. Die Organisation für Bildung, Erziehung und Wissenschaft der Vereinten Nationen (UNESCO) hat das begehrte Prädikat „Weltkultur­erbe“ dem fruchtbaren Eiland 2.000 nämlich nicht nur wegen seiner einzigartigen Sakralbauten des 9. bis 12. Jahrhunderts verliehen. Als schützenswertes Teil des Ensembles wurde auch eine der ältesten Kul­turlandschaften Europas bewertet, in der seit über 1.000 Jahren Gartenbau betrieben wird.

Das sanfte Klima am Bodensee

So steht auch Deggelmann in der Tradition des Abtes Walahfrid Strabo, der auf der Insel vor fast 1.300 Jahren einen Kräutergarten pflegte und das Lehr­gedicht „Hortulus“ (Gärtlein) verfasste, das erste Lehrbuch für Gartenbau in Deutschland. Der Bodensee als riesiger Wasser-­ und Wärmespeicher sowie die Wirkung des Alpenföhns sorgen für sanftes Klima, das aus der „reichen Au“ eine Gärtnerei Eden gemacht hat. Auf fast einem Drittel der 430 Hektar großen Fläche wachsen Gemüsepflanzen aller Arten, etwa Schlangengurken und Süßkartoffeln, Tomaten und Paprika, Radieschen und Rucola, Blumenkohl und Brokkoli – 800 Produkte, die sich nach Sorte und Ausprägung unterscheiden.

50.000 Stück Kopfsalat pro Jahr

Christof Deggelmann steuert zu dieser gesunden Vielfalt jedes Jahr unter anderem rund 50.000 Stück Kopfsalat bei, die er in Gewächshäusern mit rund 3.300 Quadratmetern Fläche zieht. Schon seit Februar ist der Klassiker unter den Salaten, reich an Provitamin A und Folsäure, täglich frisch von der Gemüseinsel bei tegut... zu haben. Deggelmann: „Die Reichenau ist dank des besonderen Klimas mit dem Kopfsalat sehr zeitig dran, so können wir früh ein gutes deutsches Produkt liefern.“

Familienbetrieb Deggelmann

Christel und Christof Deggelmann
Handarbeit und Herzblut: Damit leisten Christel und Christof Deggelmann ihren Beitrag, dass die „reiche Au“ zu einer Gärtnerei Eden geworden ist. | Foto: Vera Hartmann

Die Gärtnerei hat er von den Eltern übernommen, die Belegschaft umfasst zwei Personen: ihn selbst und seine Frau Christel, die eigentlich Steuerfachgehilfin ist. Christel Deggelmann: „Krankheitstage sind bei uns halt nicht vorgesehen.“ Diese Struktur ist typisch für das südlichste Gemüseanbaugebiet Deutschlands: Die Deggelmanns bewirtschaf­ten einen von rund 70 kleinen Familienbetrieben auf der Insel, die gemeinsam aus der Platznot eine Tugend gemacht haben. Sie haben sich in drei Genossenschaften zusammen­geschlossen, die für alles sorgen: Vertrieb und Marketing, Abrechnung und Qualitätskontrolle, Betriebsmittel und Verpackung, Transport und Kundenbetreuung.

Christof Deggelmann
Foto: Vera Hartmann

Genossenschaft liefert sauberes Wasser

Auch das saubere Wasser liefert die Genossenschaft: Sie betreibt die 60 Kilometer lange Ringleitung, die gefiltertes Bodensee­wasser an 1500 Zapfstellen strömen lässt – jedes Feld hat seinen eigenen Wasserhahn. Und damit die Kulturen auf den Parzellen, sei es auf Freiland oder in den rund 530 Gewächs­häusern, genug Ertrag bringen, sind auf der Insel zwei Sorten Dünger entscheidend: Handarbeit und Herzblut.

„Wir sind achtsame Gärtner“, sagen die Deggelmanns, „Liebe gehört dazu.“ Wo andere mit Massenproduktion und niedrigen Preisen ihre Geschäfte machen, setzen die Reichenau­Gärtner auf Regionalität und Klasse, geadelt seit über 20 Jahren zum Beispiel mit dem „Qualitätszeichen Baden­Württemberg“. Denn kleine Flächen, so ihre Philosophie, liefern gute Produkte. Ihr Bio­Gemüse macht schon mehr als ein Drittel des Umsatzes der Genossenschaft aus, der Anbau aller anderen Kulturen folgt den strengen Regeln umweltfreund­licher, nachhaltiger, integrierter Produktion. Deggelmann: „Wir nutzen wenig Chemie, setzen stattdessen Nutzinsek­ten gegen Schädlinge wie die Gurkenlaus ein. Wir pflegen die Böden, und wir temperieren die Gewächs­häuser mit Gas energiesparend auf höchstens zwei Grad, damit sie frostfrei bleiben.“

Wir sind achtsame Gärtner.

Dass die kleinen Familienbetriebe auf dem Markt wahrgenommen werden, dafür sorgt Johannes Bliestle, 54, seit 2000 Geschäftsfüh­render Vorstand der drei Genossenschaften. Der Betriebswirt und Kaufmann, früher im Baustoffgroßhandel angestellt, musste erst einmal „auf Non­-Profit­-Organisation umler­nen“: „Uns geht es darum, die Betriebe zu fördern, das hochwertige Gemüse unserer Gärtner bestmöglich zu verkaufen und sie dann höchstmöglich auszubezahlen.“

Kopfsalat wird geerntet
Mit einem glatten Schnitt erntet Gärtner Christof Deggelmann einen der rund 50.000 Kopfsalate jährlich. Wenn die Hängewaage 450 Gramm zeigt, ist es ein erstklassiges Produkt. Und damit es sauber auf den Markt kommt, bekommt es den Kopf gründlich gewaschen | Foto: Vera Hartmann

Deggelmann's Produkte sind beliebt

Da können Deggelmann und die anderen nicht klagen. Sie erzielen gute Preise, alle 14 Tage kommt Geld aufs Konto, und am Ende des Jahres wird noch einmal Kassensturz gemacht. Ihre hochwertigen Produkte sind nicht nur auf Märkten und bei Einzelhändlern beliebt, sondern auch in der regionalen Sternegastronomie. Deshalb beansprucht Bliestle eine „Qualitätsführerschaft auf dem Gemüsemarkt“. So ist das Geschäftsmodell ein außergewöhnlicher Erfolg gewor­den. „Wir haben aus dem Nachteil einen Vorteil gemacht“, sagt Bliestle. Von der Insel kommen mittlerweile 10 bis 15 Prozent der gesamten Gemüseproduktion Baden­ Würt­tembergs. „Gemüse Reichenau“ ist eine bekannte Marke, unter diesem Namen liefern die Genossen Gärtner jedes Jahr zum Beispiel 3,5 Millionen Stück Salate, 12,6 Millionen Gurken, 3.300 Tonnen Tomaten und 3.600 Tonnen Paprika.

Durch Spezialitäten auffallen

Dabei soll es nicht bleiben. „Da ich es mit Klein­strukturen und nicht mit großen Flächen zu tun habe“, sagt Bliestle, „müssen wir auf Spezialitäten gehen, die im Markt auffallen.“ Deshalb wachsen auf der Reiche­nau inzwischen auch wohlschmeckende „Aroma­-To­maten“, gelbe Zucchini oder Ingwer. Auch Gärtner Deggelmann hat seit einem Jahr Neues im Programm: zartblättrige Kohlröschen, eine englische Neuzüchtung aus „rotem Grünkohl und Rosenkohl“. Bliestle: „Wir probieren viel aus.“ Dass er experimentierfreudig ist, zeigt Gärtner Deggelmann auch auf andere Art. Wenn es passt, sät er zwei seiner Felder nur mit Gras ein, weil er viel Freifläche braucht, viel Raum, genauer gesagt: viel Luft nach oben. Dort lässt er seine Lenkdrachen steigen, die er selbst zusammennäht, einen zehn Meter messenden Fisch zum Beispiel. Und den leichten Leinenschmuck bilden – Gemüsepflanzen.

Reichenau-Gemüse bei tegut...

Kopfsalat
Foto: Vera Hartmann

Der erste frische deutsche Kopfsalat kommt aus Reichenau und wird seit Februar in den tegut... Filialen angeboten. Im weiteren Jahresverlauf kommen andere Produkte dazu: etwa ab Mitte März Bio-Radieschen und etwa ab Mitte Mai frische Salatgurken, konventionell und Bio.

Von Uly Foerster

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