15. November 2019 Category Icon

Lass dich einwickeln

Von Sabine Henning

Das Christuskind lag „nackt und bloß“ in der Krippe. Aber es war ja auch ein Geschenk Gottes. Wir Menschen verhüllen unsere Weihnachtsgaben und drücken damit unsere Liebe aus.

Familie an Weihnachten
Foto: Stocksy

Eigentlich stehe ich ja auf innere Werte. Doch ein Weihnachtsgeschenk meiner Freundin Esther ist schon äußerlich eine Wonne: Zartes Band aus Spitze und ein duftender Tannenzweig umhüllen knisterndes Seidenpapier. Ein Genuss für alle 7.000 Rezeptoren meiner Fingerspitzen und alle meine Sinne! Esther schenkt mir kleine Dinge, nichts im herkömmlichen Sinne Wertvolles: eine gläserne Christbaumkugel mit einer Feder darin, ein Notizbüchlein aus pastelligem Papier. Doch wie sie es inszeniert, das wickelt mich total ein. Sie lässt mich spüren: „Ich mag dich, du bist mir etwas wert.“ Sie hat sich Gedanken gemacht, sich Zeit freigeschaufelt vom Wahnsinn ihres Alltags mit Baby, Job, Mann und all dem.

„Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken!“ Joachim Ringelnatz (1883–1934)

Einpacken mit Noetenblättern
Notenblätter oder Landkarten, Schnittmusterbögen oder chinesische Zeitungen mit ihrem exotischen Schriftbild taugen wunderbar zum Einwickeln! | Foto: Christine Bauer

Ein bisschen beschämt mich das. Ich bekenne, dass ich bisher das glatte Gegenteil bin. Der Weihnachtsrummel ist mir lästig. Ich habe das Gefühl, vor einem Mount Everest an Erwartungen zu stehen und zu erstarren: bloß keine Enttäuschung produzieren. Also verdränge ich das Thema, lege jedes Mal zu spät los und bin froh, am 23. Dezember noch eine Rolle einfarbiges Papier zu ergattern, Engelmotive sind längst ausverkauft. Und Esther bekommt seit Jahren von mir das Gleiche: einen Kalender.

Gekauftes bekommt durch Verpackung persönliche Note

Dabei möchte ich das doch ausdrücken mit meinen Geschenken: dass ich meine Nächsten liebe, dankbar bin dafür, dass es sie gibt und wie sie sind. Hans-Georg Böcher ermuntert mich, der Kunsthistoriker leitet das Deutsche Verpackungs-Museum in Heidelberg. „Eine gute Verpackung macht etwas ganz Persönliches aus Gekauftem“, so seine Quintessenz. Sie ist das gewisse Etwas, dass selbst einem profanen Gegenstand einen Zauber hinzufügen kann.

Verhüllungskünstler wie Christo wissen um diese Wirkung: 100.000 Quadratmeter silberglänzender Stoff ließen 1995 sogar den mit dunkler Geschichte belasteten Reichstag in Berlin in einer nie zuvor erblickten Zartheit strahlen. Doch wie bekomme ich das hin – eine schöne Verpackung? Und eine, die nicht mit einem Ratsch dahin ist? Ich will ja nicht dazu beitragen, dass am dritten Weihnachtstag ein Riesenhaufen Verpackungsmüll entsorgt werden muss.

Verpackungen aus Kartons und Papier

Papphaus basteln
Wie aus einer Schachtel ein hübsches Häuschen wird, in dem sich Weihnachtsgebäck so nachhaltig wie stilvoll verschenken lässt? Das und weitere kreative Verpackungsideen enthält „Mit Liebe backen & verpacken – Weihnachten“ von Katja Graumann (als E-Book bei gu.de). | Foto: Stockfood

Schachteln sind eine gute Idee – und eine alte zudem. Jahrhundertelang wurden schöne Dinge in Spanholzkästchen transportiert, bis solche aus Karton oder Pappe aufkamen. Die ersten Kartonpackerl, beklebt mit Kupfer­stichen, gab es schon um 1650, sie waren seltene Luxus­artikel. Ich beschließe, Schachteln zu sammeln und selbst zu verzieren – dann werden sie auch zum Luxusartikel und sicher weitergenutzt! Auch Papier ist ein nachhaltiges Material, um Geschenke einzuschlagen. Die Chinesen nutzten bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. das dort gerade erfundene Zellulosevlies, um Geldgeschenke zu tarnen. Auch in den englischen Upperclass-Familien des 19. Jahrhunderts gehörte Diskretion zum guten Ton: Um Geschenke vor abschätzenden Blicken zu schützen, nahm man farbenfrohe Tapeten – eine heute noch brauchbare Idee!

Als Massenprodukt setzte sich buntes Geschenkpapier erst vor rund hundert Jahren durch, als es günstig bedruckt werden konnte. Heute scheint mir Packpapier, selbst bedruckt oder bemalt vielleicht, die nachhaltigste Variante. Alternativen können so originell wie günstig sein. Etwa die, das silberne Armband für den Liebsten in einer kultigen Pomadedose vom Flohmarkt zu verschenken. Vielleicht finde ich noch einen Zeitungsbogen aus Italien, in Erinnerung an den letzten Urlaub? Auch alte Landkarten, Notenblätter oder Schnittmusterbogen geben schöne und überraschende Verhüllungen ab.

Furoshiki: Falttecknik mit Stoffen

Und dann entdecke ich noch eine wunderhübsche Idee: japanische „Furoshiki“-Tücher. „Schenken ist bei uns ein wichtiges Ritual“, erklärt mir die in der Schweiz lebende Kalligraphie-Künstlerin Sanae Sakamoto. „Mir käme es nie in den Sinn, eine Flasche Wein oder eine Pralinenschachtel unverpackt mitzubringen.“ Und so wickelt sie, wie jeder traditionsbewusste Japaner, ihre Geschenke in aufwendiger Falttechnik in quadratische Stofftücher, die sie gleich mitverschenkt. Man kann Furoshikis zwar kaufen (z. B. bei quildi.de), aber eigentlich geht das mit jedem Stoff, vom Taschentuch bis zum Foulard. Bei Quildi finde ich eine Faltanleitung – ist gar nicht so schwierig wie gedacht.

Mit Stoff verpacktes Geschenk
Foto: Stocksy

Zeit schenken

Aber da ist noch etwas: Vieles, das wir verschenken, ist ohnehin schon mit jeder Menge Material verpackt. Und oft genug schenken wir dann den sechsten Schal, das zehnte Parfüm. Ist weniger mehr? Oder besser: Ist Emotionaleres nicht schöner? Zeit verschenken zum Beispiel, gemeinsame Erlebnisse? Auf gute Ideen bringt mich die Website zeit-statt-zeug.de, ich kann sie gleich digital mit einer liebevoll gestalteten Karte herunterladen. Soll ich Esther vielleicht „Waldluft statt Parfüm“ schenken, eine Einladung zum gemeinsamen Spaziergang? Und auf dem Gutschein gleich den Termin eintragen, damit er auch wirklich stattfindet? Das ist jedenfalls „zero waste“ – und tut etwas für unsere Freundschaft.

Geschenkideen müssen reifen.

Allmählich packt sie mich doch, die Vorfreude. Hat sich gelohnt, mal rechtzeitig nachzudenken. „Geschenkideen müssen reifen“, bestätigt mich Erziehungswissenschaftler Friedrich Rost aus Berlin, der über das Schenken geforscht hat. Ich glaube, ich weiß jetzt, was Esther Freude machen könnte und wie ich es verpacke. Der fünfzehnte Kalender wird es nicht. Aber mehr kann ich hier nicht verraten – vielleicht liest sie es ja!

DRUCKSACHE

Backpapier bestempeln
Foto: Stocksy

Simples Packpapier wird zur individuellen Verpackung, wenn Sie es bemalen oder mit Motiven bedrucken. Zusammen mit Kindern in der Adventszeit ein großer Spaß! Als Stempel eignen sich unter anderem Radierschwämme oder halbe Kartoffeln (Anleitungen zum Bei­spiel in „stempeln, drucken, schablonieren“, Haupt Verlag).

UPGRADE FÜR DEN BAUM

Getrocknete Orange als Baumschmuck
Foto: Stocksy

Apfel, Nüsse, Mandelkern Probieren Sie doch mal Christbaumschmuck aus Naturmaterialien aus. Mit Draht oder Nylonfaden verbunden oder die Nüsse mit Goldlack überzogen sind sie dekorativ – und werden später gegessen.

RUNDE SACHE

Kugeln aus Pappmaschee und Zeitung
Foto: Stocksy

Bekleben Sie doch mal Pappmaschee-Kugeln (vbs-hobby.com) mit Papierschnipseln. Oder mit Wollfäden, Vogelfedern, Anissternen!

ZUM VERNASCHEN

Kekse als Baumschmuck
Foto: Stocksy

Selbst gebackene Kekse mit Weihnachtsmotiven sind ein zauberhafter Schmuck. Ausstechformen gibt’s z. B. bei meincupcake.de

WENIGER IST MEHR

Strohstern
Foto: Fotolia

Wir lieben sie: traditionelle Strohsterne für den Weihnachtsbaum

SCHICHT FÜR SCHICHT

Weihnachtsgeschenk verpackt
Foto: Shutterstock

Tortendeckchen haben mehr Talente, als nur unter dem Kuchen zu liegen: Ihr hübsch perforiertes Muster wirkt wie ein Spitzenkleid und lässt das Geschenkpapier darunter durchscheinen. Umhüllt mit Schnur und verziert mit einer Seidenblume (Blütenköpfe z. B. bei buttinette.de) sieht das Päckchen plötzlich ganz edel aus!

Credits:
FOTOS Christine Bauer (2), Stocksy (6), Stockfood, Fotolia, Shutterstock (3)