17. Juni 2020 Category Icon

Das Phänomen der Lichtverschmutzung

Heimleuchtung

Unsere Kolumnistin Meike Winnemuth grämt sich über die verlorene Nacht: Die Welt ist von Licht verschmutzt, und in jeder Wohnung blinken Leuchtdioden wie in einer Dorfdisco. Immerhin findet sie so den Weg vom Klo ins Bett.

Kolumne Maike Winnemuth
Illustration:  Kati Szilágyi

Neulich las ich irgendwo zum ersten Mal den Ausdruck „bürgerliche Dämmerung“ (garantiert in einem der obligatorischen halbjährlichen Sommerzeit/Winterzeit-Wutausbrüche, ohne die eine Zeitung keine Zeitung ist und ein Kolumnist kein Kolumnist – selbstverständlich habe ich auch schon einen geschrieben).

Die Zeiten nach Sonnenuntergang

Bürgerliche Dämmerung! Das will man doch am liebsten sofort als Metapher für unsere vom Weltenwahnsinn wund geschossene, vom Fortschritt überforderte, abends in den Puschen kollabierende Ära hernehmen, so schön ist das. Doch tatsächlich bezeichnet der Begriff jene kurze Zeit nach Sonnenuntergang, in der es, so die Definition, „draußen noch hell genug zum Zeitunglesen“ ist, solange nämlich die Sonne bis zu sechs Grad unter dem Horizont steht. Es folgen die nautische Dämmerung (bis zu zwölf Grad), in der man den Horizont noch erkennen kann, aber langsam mal die Lampen anmacht, und die astronomische Dämmerung (bis zu 18 Grad), in der man die erste Pulle entkorkt. Und dann ist irgendwann zappenduster.

Das Phänomen der Lichtverschmutzung und seine Folgen

Bis auf die Tatsache, dass heutzutage kaum noch eine Düsternis wirklich zappen ist. Über das Phänomen der Lichtverschmutzung wurde oft geschrieben, über den Umstand also, dass über den Städten des Nachts Lichtglocken hängen, die man noch vom Weltall aus sehen kann. Die Erde wird immer heller, jährlich um etwa sechs Prozent. Über die Hälfte aller Europäer kann von ihrem Wohnort aus die Milchstraße nicht mehr sehen.

So richtig dunkel wird es nur noch in Teilen von Schottland, Norwegen und Schweden. Die Folgen: Nachtaktive Tiere drehen durch, Insekten verenden, Zugvögel verirren sich, Pflanzen wachsen völlig irre. Und auch Menschen finden keine Ruhe mehr, erst recht, seitdem sie von diesem grässlich weißblauen LED-Licht dauer­bestrahlt werden. Nächtelang hocken sie vor ihren leuchtenden Laptop-Schirmen, schreiben Kolumnen über Winterzeit oder Lichtverschmutzung (nur so als Beispiel), kriegen Ringe unter den Augen und sterben wegen Schlafmangels Jahrzehnte früher. Selbst im geruhsamsten Dorf werden die Laternen mit grellem Licht bestückt, die absurd hellen neuen Autoscheinwerfer leuchten noch den letzten Winkel aus.

Leuchtdioden in der Dunkelheit

Fast noch schlimmer als die stadionhellen Straßen ist allerdings das, was an ist, wenn alles aus ist: die Leuchtdio­den an den technischen Geräten, die uns umgeben. Das rote Stand-by-Licht am Fernseher, das gelbe am Drucker, das nervöse Blitzen des Rauchmelders an der Decke: Jeder Tag ist Weihnachten, jede Wohnung eine Dorfdisco.
Zu Hause geht es ja noch, da nutzt man die Dioden nachts wie Positionsleuchten am Rand von Fluglandebahnen: ein Koordinatenkreuz, anhand dessen man sich zur Toilette und wieder zurück ins Bett navigiert. Erst drei Schritte in Richtung der vier flackernden blauen Router-Lämpchen wanken, dann nach links zum Grün des Laptop-Ladekabels, und wenn man das E-Reader-Gelb auf dem Nacht­tisch in Armlänge vor sich hat, sachte nach links abrollen lassen.

Das Duster ist nicht mehr zappen.

Richtig übel aber wird es, wenn man im Lichtermeer fremder Zimmer schlafen muss, etwa im Hotel. Ich habe nächtens schon mei­ne halbe Wäsche im Zimmer verteilt, die Socken über die Digitaluhr vom Fernseher gehängt, den Pulli über die geisterhaft leuchtende Klimaanlagenbedienung. Oder gleich ganz den Stecker gezogen, mit dem schlechten Gewissen, dass ein armes Zimmermädchen am Morgen alles wieder neu programmieren muss. Fremde Leuchtdioden ertrage ich nicht, da läuft mein eigenes Ökosystem aus dem Ruder.

Und da schließt sich aufs Zierlichste der Kreis zur bürgerlichen Dämmerung, so wie ich sie definiere: An jeder Form von Unerträglichkeit, über die wir meckern, sind wir selber schuld, schuld, schuld.

Autorin Meike Winnemuth


Sie lebt in Hamburg und ist Journalistin, Autorin und preisgekrönte Bloggerin (meikewinnemuth.de). Ihr aktuelles Projekt: ein eigener Garten („Bin im Garten“, Penguin Verlag). Der liegt in Schleswig-Holstein unweit der Ostseeküste – und dort ist es nachts noch schön dunkel.

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Von Maike Winnemuth

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