17. März 2019 Category Icon

Ich bin dann mal weg

Sich der digitalen Kontrolle entziehen und mal wieder ganz privat und unsichtbar sein – danach sehnt sich unser Kolumnist Peter Praschl.

Illustration: Marina Friedrich

Vor zwei Jahren habe ich den Fehler begangen, im Internet eine Kaffeemaschine zu bestellen. Seitdem werde ich auf Schritt und Tritt von Kaffeemaschinenangeboten belagert, sogar auf Websites von englischen und amerikanischen Zeitungen. Obwohl ich mit meiner doch ganz zufrieden bin.

Manchmal komme ich mir vor wie in einem Dorf, in dem jeder die anderen viel zu gut kennt. In welche Restaurants ich gehe, welche Bücher ich lese, über welche Geschenke an meine Frau ich nachdenke – ständig führt irgendwo da draußen jemand Buch über mich. Um mir, wenn ich nicht damit rechne, meine Interessen, Gelüste und Gebrechen unter die Nase zu reiben. Hey, du bist doch schon über fünfzig, da solltest du allmählich über Zahnersatz nachdenken. Und so faul, wie du bist, könntest du sicher unseren Bügelservice für deine Hemden brauchen.

Buch Spurlos verschwunden
Foto: Piper Verlag

Buchtipp
Sie möchten sich unsichtbar machen in der digitalen Welt oder für Stalker? Der einstige Zielfahnder Frank M. Ahearn hat sich vom Finden aufs Verschwinden verlegt, er hilft zum Beispiel Kronzeugen dabei. Anhand von Fallbeispielen aus seiner beruflichen Praxis gibt er in „Spurlos verschwinden“ (Piper Verlag) Tipps, wie das geht.

Als ich noch unsichtbar war

Hilfe! Dürfte ich bitte wieder so unsichtbar werden wie mit achtzehn? Als ich von einer Kleinstadt in eine Millionenstadt umzog und sich plötzlich niemand mehr für mich interessierte? Endlich konnte ich einfach so vor mich hinleben. Peinliche Klamotten tragen, seltsame Frisuren ausprobieren, zweifelhafte Cocktails bestellen, ohne dass es irgendwer bemerkte und mich noch elend lange daran erinnerte. Es gab keine Profile über mich, in denen meine Weltsicht, mein Musikgeschmack oder meine Unsportlichkeit verzeichnet waren. Falls ich Mist gebaut hatte, wechselte ich einfach die Umgebung und fing von vorne an.

Ich war der Welt herzlich egal, und das war großartig – weil es mir die Gelegenheit gab, mich selbst zu finden und bei Bedarf auch wieder zu vergessen. Heute dagegen kann ich nicht mal mehr unterwegs sein, ohne dass mein eigenes Telefon ein Bewegungsprofil erstellt. Ich kann mich mit niemandem befreunden, ohne dass Freunde von Freunden von Freunden davon erfahren, und es ist praktisch unmöglich, auch nur über die Straße zu gehen, ohne auf dem Instagram-Feed eines anderen Menschen zu landen.

Es ist mir übrigens herzlich egal, was all die dunklen Mächte über mich in Erfahrung bringen, ich weiß ja selbst, wie harmlos ich bin. Unangenehm ist leider genau das: dass sogar protokolliert wird, wie langweilig und vorhersehbar man ist – statt gnädig darüber hinwegzusehen. Wahrscheinlich wird das erst jenseits der Achtzig aufhören. Der kauft nichts mehr, werden die Algorithmen sich denken, dem müssen wir auch keine Urlaubsvorschläge mehr machen.

Die Sichtbaren mit den Unsichtbaren tauschen

Vielleicht sollte man über die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Menschen neu nachdenken. Das Schema mal umdrehen: an den jungen Frauen vorbeisehen und ihnen stattdessen zuhören – und dafür die alten Damen komplimentierend anlächeln. Kinder spielen lassen, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was pädagogisch wertvoll ist. Die besonders Sichtbaren – Promis, Politiker und andere Privilegierte – könnten wir wie normale Menschen behandeln, statt sie zu belauern. Und wir könnten uns um die Unsichtbaren kümmern, die Kranken, Alten und Armen, die sonst keiner eines Blickes würdigt. Man müsste, denke ich, die Menschen ansehen, wie sie sein wollen. Und nicht darauf starren, wie sie sind. Dann würden sie vielleicht die Augen aufschlagen.

Peter Praschl
Foto: privat

Peter Praschl ist Journalist und Autor, er schreibt u. a. für die „Welt am Sonntag“, „GQ Magazin“, „Nido“ und das Kulturmagazin „Cargo“. In der digitalen Welt ist der 59-Jährige zu seinem Bedauern so sichtbar, dass eine Google-Suche 53.900 Ergebnisse in 0,27 Sekunden ergibt. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

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Von Peter Praschl

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