17. Mai 2020 Category Icon

Indoor-Farming

Vitrine statt Acker

Statt Sonne und Erde reichen beim Indoor-Farming elektrisches Licht, Kultursubstrat und eine Nährlösung zum Anbau von Pflanzen. Lässt sich so die Landwirtschaft revolutionieren?

Tim Raue
„Du bekommst ein Aroma, so klar und rein wie ein Laserschwert“, sagt Sternekoch Tim Raue | Foto: HiPi/Belek Wunderlich

Ernten im Indoor-Garden

Tim Raue ist begeistert: „Du bekommst ein Aroma, so klar und rein wie ein Laserschwert!“ Der Berliner Sternekoch zwickt Salat und Kräuter aus einer Indoor-Gardening-Station: weiße Tabletts, gestapelt in Regalform. Aus vorgefertigten Löchern heraus wächst unter hellviolettem Licht allerlei Kraut und Salat. Manchmal, so Raue, würden die Kräuter erst eine Minute vor der Auslieferung des Tellers an den Tisch geerntet. Das erzählt er in einem Werbeclip für „InFarm“ – dem derzeit bekanntesten Protagonisten einer Szene, die sich anschickt, die Landwirtschaft zu revolutionieren.

Innen-Pflanzungen: Vorteile

„Indoor“ ist das Schlagwort: Lebensmittel wie Obst und Gemüse sollen „Drinnis“ werden. Die neuen Bauern sind dann nicht länger vom Wetter abhängig. Sie fürchten keinen Hagel, keine Dürre, keine Flut. Die Innen-Pflanzungen wachsen zudem mit viel weni­ger Dünger und ohne Pestizide. Einen weiteren Vor­teil unterstreicht Heike Mempel von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, die mit Studenten eine Indoor-Farm zu Studienzwecken betreibt: „Einer der größten Vorteile ist der geringe Wasserverbrauch.“

Vertical farming

Die Menschheit wächst und zieht sich in Städte zurück. Gute Gründe, um die Produktion von Lebensmitteln dorthin zu verlegen, wo die Kundschaft wohnt. Und unter kontrollierten Bedingungen zu produzieren. Weil in der Stadt der Raum eng wird, muss die Anbaufläche zu Regalen gestapelt werden. Was zum „Vertical farming“ führt. Das Grün wächst unter einer ewig gleich scheinenden künstlichen Sonne. Während die Wurzeln in Substrat oder nur in mit Nährstoffen angereichertem Wasser stecken.

Indoor-Farming
Noch ist der enorme Ener­gieverbrauch der vielen LED-Lichter einer der größten Knackpunkte beim Indoor-Farming. Ziel ist es, irgendwann einmal das ganze Jahr über frisches Gemüse produzieren zu können – und dabei mit 95 % weniger Wasser auszukommen | Foto: Shutterstock

Indoor Gardening Start-ups

Mittlerweile hat sich rund um die Welt eine Szene modernster Agraringenieure herausgebildet, die zum Ziel hat, die älteste Form menschlichen Wirtschaftens in eine LED-strahlende Zukunft zu führen. „InFarm“, das Berliner Start-up, hat seine Wachsstationen an Handelsketten in aller Welt verkauft, die nun Salat und Kräuter so hyperlokal anbieten, wie es nur geht: in den Filialen nämlich.

Bei der finnischen „Evergreen Farm“ rotieren Erdbeerpflanzen in vollautomatischen Säulen, sie werden darin künstlich bestäubt, die Früchte von Roboterhand geerntet. „Bowery Farming“, ein Start-up aus New York, sammelte Gelder im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich und rüstet damit alte Lagerhäuser zu Stapel-Farmen um.

Der Hype führt zu seltsamen Allianzen: So investierten Ikea und der Scheich von Dubai 40 Millionen Dollar in „AeroFarms“ aus New Jersey, die Betreiber einer der weltweit größten Indoor-Vertical-Farmen. Auf 2.300 Quadratmetern sprießen Salatköpfe, 10.000 davon werden täglich geerntet. Für Heimanwender gibt es Grow-Terminals wie den „Plantcube“, der das Angebe-Potenzial eines Weinklimaschranks glatt deklassiert. Die dazugehörige App sagt, wann das Grünzeug geerntet werden kann.

Ernte Salatköpfe
Da haben wir den (Indoor-)Salat. In der größten Indoor-Farm der Welt werden täglich 10.000 Salatköpfe geerntet | Foto: Shutterstock

Nachteile des Indoor-Gardenings

Doch kein Wandel, der nicht auch Kritik hervorriefe. Noch sind etwa die Energiekosten der LED-Lampen viel zu hoch. Louis Albright, emeritierter Professor der Cornell University, rechnete vor, dass ein Laib Brot über 20 Euro kosten würde, sollte Weizen in Innenräumen gezüchtet werden. Deshalb müssten LEDs dringend effizienter wer­den. Um den Nachhaltigkeitsvorsprung geringen Wasserverbrauchs zu sichern, müssten die Indoor-Farmen auch regenerative Energien nutzen.

Join the urban (r)evolition

Offen bleibt, wie die LED-Bauern das schaffen wollen. Sie konzentrieren sich bisher auf Gewächse, die wenig zur Produktion von Kalorien beitragen. Für Erik Kobayashi-Solomon, der in Agrartech-Firmen investiert, ist aber offensichtlich: „Die Welt lässt sich nicht von Salat ernähren.“ Jochen Moninger, Innovationsmanager der Welt­hungerhilfe, moniert: „Unser Problem ist es nicht, genügend Nahrungsmittel zu erzeugen, sondern sie gerecht zu verteilen.“

Böse Worte kommen von Neil Mattson, einem Professor der „Cornell School of Integrative Plant Science“ in Rockville, Maryland: „Das hat mehr mit Food-Theater zu tun.“ Tatsächlich ist bei den meisten neuen Playern die Form von Silicon-Valley-Inszenierung zu beobachten, die aus allem ein Produkt macht, das „die Welt verändern wird“. „Join the urban (r)evolution“ ist das Motto. Man muss das nicht alles für bare Bitcoins nehmen. Aber durchaus darüber nachdenken, was es heißt, wenn Tech-Giganten jetzt auch noch in die Welternährung einsteigen wollen. „Bowery Farming“ zum Beispiel wurde mit Geldern von „Google Ventures“ angeschoben. Und „InFarm“ produziert Grünzeug für „AmazonFresh“.

Kombination der Methoden

Wohin also wird der Feldweg führen? Bauernhöfe sind längst selbst Hightech-Betriebe, vielfach automati- und roboterisiert. Andreas Wöll, Agrartech-Berater aus Hessen, sieht in den neuen Konzepten denn auch keinen Ersatz, sondern „eine Ergänzung der herkömmlichen Landwirtschaft“. Auch Professorin Mempel sieht das so: „Ziel sollte ein Miteinander von klassischer Freilandproduktion, Produktion im Gewächshaus und Produktion in Indoor-Farmen sein – weil jede Kulturmethode Vor- und Nachteile aufweist.“

Von Andreas Beerlage

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