3. August 2019 Category Icon

Ja zum Unkraut

Sie sind lebenswichtig für Schmetterlinge und Insekten. Und anstatt sie zu vergiften, kann man sie einfach aufessen. Ein Plädoyer für den Wildwuchs (mit Einschränkungen).

Mohnblumen
In Deutschland gibt es etwa 300 Arten von Unkräutern, darunter 25 wirkliche Problemfälle für die Landwirtschaft – wie Ackerkratzdistel oder Windhalm. 100 Arten sind selten und gefährdet, wie Bauernsenf oder Lämmersalat. Im Garten machen sich bis zu 50 Unkrautarten breit. | Foto: Stocksy

Ausgerechnet im Rostocker Stadtteil „Gartenstadt“ wird Unkraut wertgeschätzt. Dort wirkt die Vorsitzende der Europäischen Unkrautforschungsgesellschaft, Agrarwissenschaftsprofessorin Bärbel Gerowitt – und findet freundliche Worte für jene Gewächse, die doch von den meisten Bauern und Hobbygärtnern als Plage empfunden werden: „Ich finde es faszinierend, wie Unkräuter sich durchmogeln und es schaffen, sich zu verbreiten. Das sind faszinierende Pflanzen, die clevere Überlebensstrategien entwickeln.“

Gerade die Sache mit dem Verbreiten wird den Unkräutern ja übel genommen, lässt Landwirte zur Giftspritze greifen, Hobbygärtner mit der Hacke ausrücken. Unkräuter nehmen unseren Kulturpflanzen Nährstoffe, Wasser und Licht weg. Kulturpflanzen sind nämlich im Vergleich zu ihnen richtige Weichlinge, Unkräuter hingegen harte Natur-
burschen, die ordentlich was wegstecken können. Seit Menschen Landwirtschaft betreiben, viele Tausend Jahre, sitzen ihnen – beziehungsweise den Kulturpflanzen – die Begleitkräuter (der Zweitname für Unkräuter) im Nacken. Aber was qualifiziert eine Pflanze, Unkraut zu werden?

Wann ist eine Pflanze Unkraut

Bärbel Gerowitt sagt: „Unkraut macht zum Unkraut, dass wir es so nennen.“ Es sind Pflanzen, die am – aus menschlicher Sicht – falschen Ort wachsen. Der Begriff ist auch nicht auf ausschließlich unselige Kräuter beschränkt, sondern umfasst zudem unliebsame Gräser, Farne, Moose samt sonstigen holzigen Pflanzen.

Während Konkurrenz in der Landwirtschaft ein nachvollziehbares wirtschaftliches Problem sein kann, ist es im Garten eher ein ästhetisches: Da will man Lilien ziehen – und bekommt den Giersch! Doch anstatt jetzt den nächsten Feldzug zu planen, empfiehlt der Ethnobotaniker und Buchautor Wolf-Dieter Storl, sich einfach freudig auf sie einzulassen: „Ich liebe sie geradezu, liebe ihre oft unerkannte Schönheit, liebe ihre potenzielle Heilkraft, ihren Geschmack als Wildgemüse oder Würze, liebe die Geschichten, die sie umranken und die sie erzählen können. Man muss sich nur auf sie einlassen.“

Früher Unkraut, jetzt beliebt: Rucola

Der populäre Hippiegärtner hat ja recht: Manche Unkräuter sind einfach nur schön, wie die strahlend blaue Kornblume. Viele haben Heilkräfte, jedes Jahr kürt die Forschergruppe Klostermedizin die „Arzneipflanze des Jahres“, 2019 ist es der Weißdorn, gut für Herz und Kreislauf. Manche Unkräuter sind zudem auch potenzielle Lebensmittel. Tatsächlich machte so manches frühere Unkraut auf dem Esstisch Karriere: Rucola zum Beispiel hat es binnen 20 Jahren vom ehemaligen süditalienischen Unkraut zur weltweit gehandelten Salatpflanze gebracht.

Unkraut jäten
Unerwünschtes Unkraut jätet man mit der Hand, danach muss der Boden zwischen den Gemüsereihen mit Bügelhacke und Grubber gründlich durchgehackt werden. | Foto: Stocksy

Auch der Roggen ist zunächst als Unkraut des Weizens nach Europa gelangt. Und der böse Giersch: „Eßbar, wie Spinat“, sagt Jean-Marie Dumaine, der sich mit seiner Wildkräuterküche im „Vieux Sinzig“ im Ahrtal 16 von möglichen 20 „Gault Millau“-Punkten erkocht hat. Wildkräuter und -gemüse sind meist reicher an Mineralstoffen und Vitaminen als unsere gezähmten Küchenpflanzen. So enthält die Vogelmiere, als Salat zubereitet, dreimal so viel Kalium und Magnesium und siebenmal so viel Eisen wie ein Kopfsalat. Vitamin A ist doppelt so viel enthalten, Vitamin C achtmal so viel.

Das Tagesgeschäft im „Vieux Sinzig“ hat Dumaine Anfang des Jahres aufgegeben. Er bietet jetzt Kräuterwanderungen, Kochevents und Weinverkostungen an (vieux-sinzig.com).

Nicht nur dem Menschen kann das Unkraut dienlich sein. Kleintiere und Insekten ernähren sich mit Vorliebe von seinen fetthaltigen Samen. An den Blüten laben sich Bestäuber wie Wildbienen und Schmetterlinge. Unkraut hält zudem den Boden zusammen, schützt vor Starkregen und Erosion. Kurzum: Unkräuter stehen für gesunde Natur, für Artenvielfalt. Dabei sind sie selbst inzwischen gefährdet, die Arten der Ackerwildflora werden immer mehr aus der Landwirtschaft zurückgedrängt. Auf den Roten Listen zu Veränderungen der Pflanzen nehmen Ackerunkrautarten inzwischen viel Platz ein.

Trotzdem bekämpfen wir Unkräuter noch verbissen. In privaten Gärten gibt es schon seit Längerem Anzeichen für ein Umdenken. Auch die Landwirtschaft soll folgen, wenn es nach Unkrautkennerin Gerowitt geht: „Unsere Forschung zielt etwa darauf ab, Unkräuter gezielter zu finden, zum Beispiel mit Aufnahmen von Drohnen. Dann können kleine Roboter, die im Feld herumflitzen, sie finden und entfernen.“ Auch eine maßgeschneiderte Fruchtfolge kann ihr Aufkommen eindämmen. So oder so würden Pestizide eingespart – ein Segen für die Umwelt, die Böden und das Grundwasser.


Im evolutionären Prozess werden manche Unkräuter den Kulturpflanzen, die sie begleiten, zunehmend ähnlicher. Die Saatwicke zum Beispiel tarnt sich inzwischen als Linse – und kann so sehr viel schwieriger aussortiert werden.


In Deutschland gibt es etwa 300 Arten von Unkräutern, darunter 25 wirkliche Problemfälle für die Landwirtschaft – wie Ackerkratzdistel oder Windhalm. 100 Arten sind selten und gefährdet, wie Bauernsenf oder Lämmersalat. Im Garten machen sich bis zu 50 Unkrautarten breit.


Ackerunkräuter sind im Zweit­beruf nicht selten auch wirksame Heilpflanzen – siehe Brennnessel und Kamillentee. Über die Geschichte der Arzneipflanzen informiert die Forschergruppe Klostermedizin auf klostermedizin.de


Wolf-Dieter Storl: „Die ‚Unkräuter‘ in meinem Garten: 21 Pflanzenpersönlichkeiten erkennen & nutzen“, 240 Seiten, Gräfe und Unzer

Von Andreas Beerlage

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