17. April 2020 Category Icon

Klimaforschung: Was bringt die Zukunft

Frische Luft

Die Luft ist in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland sauberer geworden. Gesund ist sie trotzdem nicht: Die Feinstaubbelastung ist ein Problem für die Menschen, das CO₂ schädigt das Klima. Was ist von der Forschung zu erhoffen, was können – eher: müssen – wir selbst beitragen?

Luft und Feinstaub
2019 war das erste Jahr seit Beginn der Messungen, in dem die Luft am wenigsten mit Feinstaub belastet war. Entwarnung bedeutet das allerdings noch nicht: In mehr als 20 Ballungsräumen lagen die Werte immer noch zeitweise zu hoch. Aktuelle Daten sind stets auf der Seite des Umweltbundesamtes einzusehen (umweltbundesamt.de) | Foto: Stocksy

Wie gut, wie rein, wie gesund die Atemluft ist, sorgt uns instinktiv mehr als jede andere Eigenschaft der Umwelt. Ältere erinnern sich, wie früher – noch in den 1980er-Jahren – eine Smog-Wetterlage einem buchstäblich die Luft abschnüren konnte. Ruß und schwefelige Dünste machten uns krank, in Industriestädten konnte man manchmal keine Wäsche zum Trocknen draußen aufhängen.

Das ist zum Glück weitgehend vorbei (jedenfalls in Westeuropa), Industrie und Verkehr sind „sauberer“ geworden. Und doch erhitzen bei uns Diskussionen um Fahrverbote wegen verschmutzter Luft die Gemüter, und Forscher machen die Belastung der Luft für 9 Millionen vorzeitige Todesfälle im Jahr verantwortlich. Die meisten dort, wo die ungehemmte Industrialisierung im Rekordtempo nachgeholt wird, in Asien.

Die komplizierte Dynamik des Klimawandels

Die „New York Times“ hat online eine erschütternde Visualisierung dafür gefunden (Suchbegriff „air pollution“, 02.12.2019): Die Belastung am jeweiligen Ort wird durch kreiselnde Punkte auf dem Bildschirm dargestellt – man hält unwillkürlich den Atem an. Und ist froh, nicht in Neu-Delhi oder Seoul leben zu müssen. Da sind Substanzen, die wir riechen können, deren Schädlichkeit einen körperlichen Reflex auslöst: Stickoxide, Ruß, Ozon. Dann das alles überragende Thema CO₂, normalerweise nicht zu spüren, was seine Bedrohlichkeit, vermittelt durch die komplizierte Dynamik des Klimawandels, noch beängstigender macht. Schließlich der Feinstaub, Mikropartikel, die erst in den vergangenen 20 Jahren in den Blick gekommen sind: verantwortlich für Allergien, Asthma, Lungenkrebs. Hauptverursacher sind Industrie, Straßenverkehr und Privathaushalte, dort vor allem Holz-Feuerungsstätten.

Die ältere Generation hat viel erreicht

Wo stehen wir wirklich beim Thema „Luft“? Der Wirtschaftswissenschaftler Max Roser (Universität Oxford) sagt: „Es hilft nicht, die ältere Generation für alle Probleme verantwortlich zu machen und zu übersehen, dass sie auch viel erreicht hat.“ Roser betreibt die Webseite ourworldindata.org, die wissenschaftliche Informationen zum Thema sammelt und grafisch aufbereitet. Die Daten würden zeigen, dass sich viel in die richtige Richtung entwickelt habe.

Max Roser, Wirtschaftswissenschaftler
„Vieles entwickelt sich in die richtige Richtung“, so Max Roser, Wirtschaftswissenschaftler | Foto: Julia Ruiz Pozuelo

Der Dreiwegekatalysator – ein wichtiger technologischer Beitrag

Allerdings sind die Erfolge relativ, gemessen daran, was der jeweilige Sektor weiterhin an Belastungen produziert und was mit mehr Aufwand noch möglich wäre. Einige Beispiele aus der Liste der größten Verursacher: Straßenverkehr: Der geregelte Dreiwegekatalysator ist vielleicht der wichtigste technologische Beitrag gegen die Luftverschmutzung, schon seit 40 Jahren. Aktuell werden Partikelfilter mühsam politisch durchgesetzt. Besser sind E-Autos, noch besser weniger Autofahrten.

Kraftwerke: Auch hier gab es einen technologischen Durchbruch, der in der Luft der Industriereviere sofort spürbar war: die Rauchgasentschwefelung für Kohlekraftwerke. Der Kohleausstieg wird die Situation hier weiter verbessern, nicht aber in Asien und Afrika, wo mehr Fossilien verbrannt werden denn je. Einen Teil unserer Umweltprobleme haben wir „exportiert“.

Flugzeuge: Eine Selbstverpflichtung der Industrie setzt erst 2021 ein und zielt auf den Ersatz des Kerosins durch Bio-Brennstoffe und CO₂-Kompensation. Der Flugverkehr steigt weiter, müsste für das Klima aber gedrosselt werden. Nicht einmal der Ersatz innerdeutscher Flüge durch die Bahn gelingt.

Schiffe: Immer noch dürfen Container- und Kreuzfahrtschiffe auf hoher See das schädliche Schweröl verbrennen, nur wenige Kreuzfahrtschiffe setzen Partikelfilter ein oder haben auf Flüssiggas umgestellt.

Tüftler und Mahner

Natürlich arbeiten Ingenieure und Unternehmen daran, die Belastung unserer Atemluft zu mildern. Aufmerksamkeit genießt das deutsch-schweizerische Start-up Climeworks, das in großem Stil CO₂ aus der Luft saugen will, um es in tiefe Steinschichten zu pressen oder, daran forschen Konkurrenten, es in synthetischen Kraftstoff umzuwandeln. Die praktischen Schwierigkeiten sind enorm, und die Hoffnung, dass geniale Tüftler unsere Probleme im Labor lösen, hat nicht mehr viele Anhänger. Dabei stockt es auch bei naheliegenden Chancen. Im Bereich von Partikelfiltern gegen den gefährlichen Feinstaub zum Beispiel gibt es technische Lösungen, es fehlt nur der politische Druck, sie umzusetzen.

Axel Friedrich, Chemiker und Umweltexperte
„Eine umfassende Nachrüstung privater Pkw ist unausweichlich.“ Axel Friedrich, Chemiker und Umweltexperte | Foto: mauritius images/dpa picture-alliance

Die Diskussionen um Fahrverbote in Städten ist zum Symbol der Auseinandersetzung geworden und der Chemiker Axel Friedrich zur Symbolfigur des Kampfes für bessere Luft. Der Ex-Abteilungsleiter im Umweltbundesamt war daran beteiligt, den Dieselbetrug deutscher Autobauer aufzudecken.

Am Ziel sieht er sich nicht: „In höchstbelasteten Städten wie München, Stuttgart, Köln oder Hamburg reicht es nicht, starke Schadstoffquellen zu beseitigen“, sagte er im Interview der „ZEIT“. „Eine umfassende Nachrüstung privater Pkw ist unausweichlich.“ Vor allem, dass die relativ simple und günstige Filterung bei älteren Benzinern noch nicht verpflichtend ist, stört ihn. Stärker als beim Thema Klimaschutz kann bei der Luftreinhaltung jeder Einzelne durch sein Verhalten Einfluss ausüben. Deshalb zum Abschluss:

6 Dinge, die jeder selbst tun kann

Reparieren statt kaufen
Foto: Shutterstock
  1. Wenig Auto fahren (wenn, dann elektrisch) – besser mit Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln.
  2. Lüften lernen! Dreimal täglich 5 Minuten stoßlüften. Dabei die Türen zu beheizten Räumen schließen.
  3. Kein Holz verbrennen. Auch moderne Kamine produzieren viel schädlichen Feinstaub.
  4. Bewusster Konsum. Regionale Lebensmittel sparen Verkehr, nachhaltig erzeugte Produkte verursachen weniger Belastung durch Verarbeitung und Verpackung.
  5. Dinge Reparieren! Rechnen Sie Ihre Arbeitszeit mit ein, ist das vielleicht nicht „wirtschaftlich“. Aber es ist sehr befriedigend, eine Waschmaschine oder ein Smartphone selbst wieder in Gang zu bringen und eine komplexe Maschine ein paar Jahre länger in Funktion zu halten. Im Internet gibt es für fast alles tolle Anleitungen.
  6. Umweltbildung. Scheuen Sie sich nicht, Kinder und auch andere Erwachsene zu „erziehen“ – das macht Sie zwar nicht immer sympathisch, lohnt aber. Natürlich nur, wenn Sie sich selbst wirklich gründlich informiert haben.
Von Raimund Witkop

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