22. Mai 2020 Category Icon

Kolumne von Dr. Alexander Gerst

Dieser blaue Punkt

Von der Raumstation ISS aus sah Alexander Gerst, Deutschlands berühmtester Astronaut, unseren Planeten, wie er wirklich ist: eine verletzbare Oase im kalten Kosmos, die wir schützen sollten. Denn nur hier gibt es Äpfel und duftendes Gras, nur hier können wir im Meer schwimmen und mit Freunden Wein trinken!

Wir Menschen sind Entdecker. Seit den Anfängen unserer Spezies sind aus jeder Generation Abenteurer hervorgegangen, die über den Horizont desBekannten hinausschauen wollten: Ich bin überzeugt davon, dass dieser Wissensdurst tief im menschlichen Wesen verwurzelt ist. Auch mich hat die Neugier seit meiner Kindheit vorangetrieben. Als kleiner Junge schon habe ich mich für alles interessiert, was mit der Entdeckung der Welt zu tun hatte – und für das All.

Die Mission „Blue Dot“

Als Astronaut habe ich nun also das einzigartige Glück und Privileg, die Erde von außen erforschen zu dürfen. Und weil ich glaube, dass das für unser Verständnis der Welt enorm wichtig ist, versuche ich, diese Perspektive aus dem All auch zurückzubringen und weiterzuvermitteln. Deshalb haben wir unsere Mission, an der ich 2014 teilnehmen durfte, auf den Namen „Blue Dot“ getauft – in Erinnerung an ein Foto, das Kameras der 1977 gestarteten Voyager-1-Sonde aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung von unserem Heimatplaneten aufgenommen haben.

Ein paar Pixel dieses Fotos zeigen die Erde als einen winzigen, blauen Punkt, der in einem großen, dunklen Universum einsam seine Bahnen zieht. Selbst von der Raumstation ISS, aus dem nahen Orbit von nur 400 Kilometern Höhe, haben wir unsere Welt so gesehen: als eine erstaunlich kleine, zerbrechlich wirkende Steinkugel, geschützt nur von einer hauchdünnen, bläulich schimmernden Atmosphäre: Das ist alles, was wir haben! Unser einziges „Raumschiff“ im kalten, lebensfeindlichen Kosmos. Wir sind alle Astronauten!

„Die Atmosphäre sieht so zerbrechlich und zart aus, als könne man sie mit einem einzigen Hauch davonpusten.“

Der Blick aus der Ferne

Wie schön unser Heimatplanet dabei aussieht, habe ich in den sechs Monaten meiner Mission in Tausenden Fotos festzuhalten versucht. Aber genauso habe ich von dort oben auch sehen können, wie sorglos wir mit unseren begrenzten Ressourcen umgehen. Wir holzen die Wälder ab, überhitzen die Atmosphäre. Wir führen Kriege, die selbst aus dem Weltall erkennbar sind. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen. Obwohl wir alle diese Probleme kennen, neigen wir auf der Erde dazu, sie zu verdrängen oder für unlösbar zu halten –, weil uns der Überblick fehlt. Aus der Ferne aber wirkt es völlig verrückt, mit unserem kleinen Refugium im Universum nicht verantwortungsvoller umzugehen. Diese so seltene und dadurch besonders wertvolle Perspektive möchte ich auch den Menschen vermitteln, die nicht das Glück haben, sie mit eigenen Augen zu sehen.

Illustration: Lena Kunstmann

Wonach ich mich sehne nach Monaten im All? Einen großen, grünen Salat zu essen. Oder mit Freunden zu Hause auf unserer Dachterrasse zu grillen und ein Glas Wein zu trinken. Ich freue mich erstaunlicherweise am meisten auf die kleinen Dinge, die unseren Alltag zu Hause doch ganz besonders machen. Wir vergessen das oft, weil es uns auf der Erde normal erscheint. Aber nirgendwo sonst im gesamten, gigantischen Universum können wir – nach unserem jetzigen Wissensstand – einen Wald im Wind rauschen hören.

Im Sommerregen joggen. Auf eine Bergspitze klettern und tief durchatmen. Die Rinde eines Baumes berühren. Frisch geschnittenes Gras riechen. Im Meer schwimmen gehen. Wir haben so viele Möglichkeiten auf unserer kleinen, im Kosmos schwebenden Steinkugel. Das wird uns hier oben bewusst, weil wir zwar alles Nötige mit dabeihaben, um im Orbit zu überleben. Mehr aber auch nicht. Dort draußen kommt lange einfach nur „nichts“. Unser Planet ist ein einzigartiger Ort, eine unwahrscheinliche, kleine Ausnahme: eine verletzbare Oase in einem schwarzen, kalten Universum.

Der Autor Dr. Alexander Gerst

Der Geophysiker Dr. Alexander Gerst, 1976 in Künzelsau geboren, wurde 2009 in das europäische Astronautenprogramm gewählt. 2014 verbrachte er sechs Monate auf der ISS. Im kommenden Jahr soll er in einer neuen Mission als erster Deutscher für mehrere Monate das Kommando über die Raumstation übernehmen.

Buchtipp: Der Text stammt aus dem wunderbaren neuen Bildband „166 Tage im All“, den Alexander Gerst zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Lars Abromeit über seine Mission auf der ISS im Jahr 2014 schrieb. Er berichtet darin vom Alltag an Bord, vom Miteinander, von Außeneinsätzen – und von Linsen mit Spätzle in der Bordküche. Dazu gibt’s eindrucksvolle Fotos. 192 Seiten, Frederking & Thaler

Von Alexander Gerst

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