7. August 2019 Category Icon

Da kräht der Hahn

50 Millionen männliche Küken werden allein in Deutschland jedes Jahr an ihrem Geburtstag getötet – weil die Jungs weder Eier legen noch schnell viel Fleisch liefern. Dabei geht
es auch ganz anders.

Küken
Verschiedene Initiativen in Deutschland versuchen inzwischen, die Brüder der Legehennen zu retten | Foto: Shutterstock

Auf Carsten Baucks Hof im niedersächsischen Klein Süstedt finden auch männliche Küken mal ein Korn. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise leben in Eierfabriken ausschließlich Hennen. Bruderhähne, wie die Fachwelt die männlichen Geschwister nennt, gelten als unrentabel: Sie legen keine Eier und setzen nur wenig Fleisch an. Deswegen werden sie gleich nach ihrer Geburt aussortiert und getötet. Demeter-Bauer Bauck verweigert sich dieser Praxis: „Tiere wegzuschmeißen kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinen.“

„Tiere wegzuschmeißen kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinen.“ Carsten Bauck

Legehennen und Masttiere

Früher, als die Spezialisierung der Tiere noch nicht so hoch war, gab es das Problem nicht. Heute gibt es im Prinzip nur noch zwei Arten genetisch optimierter Hochleistungshühner: Legehennen liefern ausschließlich Eier, Masttiere ausschließlich Fleisch. Da machen auch die meisten Bio-Höfe kaum eine Ausnahme. Auch sie sind große Betriebe und setzen auf Hochleistungszüchtungen.
Den Gipfel ihrer Berühmtheit erklommen die Bruderküken 2013. Damals kursierten Bilder, die zeigten, wie Millionen Tiere geschreddert werden. Zwar wird der Großteil der Bruderküken noch immer getötet, allein in Deutschland sollen es jährlich 50 Millionen Tiere sein, weltweit gar vier Milliarden, doch allmählich wollen die Verbraucher das nicht mehr hinnehmen. Die Produzenten reagieren mit entsprechenden Produkten.

Bio-Geflügelzüchter Carsten Bauck
Bio-Geflügelzüchter Carsten Bauck träumt vom Dual-Huhn | Foto: Oliver Helbig

Turbohuhn versus Dual-Huhn

Als Gegenentwurf zur gängigen Praxis bildeten sich zahlreiche Initiativen, vor allem in der Öko-Szene. „Die Bios waren hier die Vorreiter“, sagt Ernährungsexpertin Christiane Kunzel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. So sind heute etwa „haehnlein“, „Ei-Care“ oder „Bruderhahn e. V.“, dem auch Carsten Bauck mit seinen Betrieben angehört, auf dem Markt. Sie ziehen die Brüder mit auf und vermarkten ihr Fleisch. Zwar dauert die Aufzucht der Bruderhähne mit rund 80 Tagen vergleichsweise doppelt so lange lange, liefert weniger Fleisch und ist teurer – kon­ventionelles Geflügel, auch als Turbohähnchen bekannt, wiegt schon nach rund 35 Tagen zwei Kilo –, dafür aber soll das Bruderhahnfleisch hochwertiger sein. Die Tiere wachsen langsam, bewegen sich viel im Freien und bauen Muskeln auf. Tatsächlich gilt das Fleisch der „Stubenküken“ in Österreich und Süddeutschland als besonders delikat. Der Selbstversuch in Hamburg zeigte allerdings, dass es schwer ist, überhaupt einen Bruderhahn zu bekommen.

Zurück zum Zweinutzungshuhn

Mittlerweile reagiert auch die konventionelle Indus­trie. So gibt es in Supermärkten etwas teurere Eier, die die Aufzucht der Brüder mitfinanzieren. Allerdings habe das Bruderhahnfleisch auch hier noch große Absatzprobleme, sagt Lars Schrader, Wissenschaftler am Friedrich-Loeffler-Institut in Celle: „Meist landet es in Form von Hühnerfrikasse im Handel.“

Geht es nach Schrader, dann sollte die Branche den Pfad der hochgezüchteten Mast- und Legehennen verlassen und zum Zweinutzungshuhn zurückkehren, wie es bis in die 1950er-Jahre üblich war: Tiere, die Eier legen und Fleisch liefern. An solchen „Dual-Hühnern“ forscht Schrader. Zwar lieferten sie weniger und kleinere Eier, ihre Brustfilets seien nicht ganz so pompös, dafür aber seien sie robuster und für bestimmte Gesundheitsprobleme weniger anfällig. Ob der Markt das will, wird sich zeigen.

Was sagt eigentlich das Gesetz zum Kükentöten? Zwar gab es bereits Versuche, die Praxis zu verbieten, doch das Oberverwaltungsgericht in Münster urteilte 2016, dass das Töten weiterhin erlaubt und mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sei. Die Begründung: Es gebe keine wirtschaftlich umsetzbaren Alternativen.

Neu: Geschlechtserkennung im Ei

Das dürfte sich mit der „endokrinologischen Geschlechtsbestimmung“ nun ändern. Die patentierte Methode ist seit November marktreif. Hierbei werden die Embryos noch im Ei in weiblich und männlich sortiert. Das ist schon ab dem vierten Tag nach Brutbeginn möglich, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Embryos noch kein Schmerzempfinden haben, wie Wissenschaftler Lars Schrader versichert. Er hält die Methode daher für sinnvoll. Für Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, deren Ministerium die Entwicklung der „Respeggt-Methode“ subventionierte, ist die Einführung „ein großer Tag für das Tierwohl in Deutschland“.

„Mein Ziel ist eine Landwirtschaft, bei der sowohl die Jungs als auch die Mädels ihr Korn finden dürfen.“

Bio-Geflügelzüchter Carsten Bauck ist skeptisch. Für ihn ist die Geschlechtsbestimmung keine Alternative. Sie führe am Grundproblem vorbei und bereite der tier- und umweltfeindlichen industriellen Massentierhaltung den Weg.

Geht es nach Bauck, dann ist selbst seine Bruderhahn-Initiative nur eine Übergangslösung hin zum Dual-Huhn: „Mein Ziel ist eine Landwirtschaft, bei der sowohl die Jungs als auch die Mädels ihr Korn finden dürfen.“

Bio-Eier von Zweinutzungshühnern und haehnlein Bio-Hähnchenfleisch bei tegut…

Bereits seit 2016 unterstützt tegut… die Aufzucht von Henne und Hahn auf Bio-Legebetrieben. Den Anfang machte das Konzept haehnlein von der Fürstenhof GmbH in Mecklenburg-Vorpommern mit Bio-Eiern und mit Bio-Hähnchen-Brustfilets und Bio-Hähnchen-Keulen in der Tiefkühlung aller tegut… Märkte. Im Jahr 2018 kam die regionale Zweinutzungshuhn-Initiative ’ne runde Sache des Mustergeflügelhofes Häde aus Nordhessen in ausgewählten Märkten hinzu. Die Bio-Eier aus dieser Initiative stammen von „alten“ Hühnerrassen, die traditionell Eier und Fleisch liefern, also zwei Nutzen haben. Diese Initiative ist von Burkhard Klein und seinem Betrieb Westerwald Bio im hessischen Lahn-Dill-Kreis aufgegriffen worden, der tegut… seit 2019 mit den Bio-Zweinutzungshuhn-Eiern Hahn & Henne beliefert.

Buch Planet der Hühner
Foto: Brandes & Apsel

„Planet der Hühner. Über die Nutzung des Huhns durch den Menschen“ von Mario Mensch und Anna Olschewsky, 120 S., Brandes & Apsel

Von Daniel Hautmann

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