26. August 2021 Category Icon

Lebensmittel: Herstellung und Verschwendung

Kostbares Gut

Es interessiert oftmals nur am Rande, wie viel Arbeit in der Herstellung guter Lebensmittel steckt. Hauptsache, es gibt genug. Die Folge: Es wandert immer noch viel zu viel in die Tonne.

Lebensmittel verschwenden
Foto: Shutterstock

Herstellung guter Lebensmittel ist aufwendig

Als ich ein Kind war und einmal beherzt in ein Stück Schokolade biss, kommentierte meine Mutter das mit den Worten: „In ein Stück Schokolade beißen wie in ein Butterbrot, davon habe ich als Kind geträumt.“ Meine Mutter ist Jahrgang 1939. In der Kindheit der Nachkriegsgeneration waren Nahrungsmittel Mangelware, Süßigkeiten Luxus. Auch wenn Hamsterkäufe zu Beginn der Coronakrise im vergangenen Jahr zwischenzeitlich leere Nudelregale hinterließen: Echten Mangel kennen wir heute nicht.

Frisches Obst und Gemüse, Brot- und Teigwaren, Milch, Käse, Joghurt und Fleisch sind in vielen Varianten nahezu jederzeit verfügbar und erschwinglich. Dabei ist uns oft nicht bewusst, wie mühsam und aufwendig es ist, gerade Gemüse und Obst anzubauen, zu ernten und in die Läden zu transportieren. Wer hat schon Erfahrungen in einem eigenen Garten?

Ernten im eigenen Garten

Ich erinnere mich an unseren Versuch, Möhren anzubauen. Unsere kleine Tochter liebt Möhren. Die Aussaat mit dem praktischen Saatband war noch denkbar einfach, groß die Freude, als die ersten Keimlinge zu sehen waren. Aber dann haben wir drei Regengüsse lang nicht nach dem Beet gesehen und auf einmal waren die zarten Möhrenpflanzen komplett von der Vogelmiere überwuchert. Um wenigstens einen Teil der Aussaat zu retten, pflanzte ich die eindeutig als Möhren zu erkennenden Jungpflanzen um in ein anderes Beet, wo wir Wochen später ganze fünf schmackhafte Karotten ernten konnten. Die eigene Erdbeerernte im Hochbeet war auch überschaubar. Schließlich verschaffte sich der Waschbär trotz Vogelnetz Zugang zum Beet und räumte es aus.
Zum Glück sind wir auf die Lebensmittelproduktion im Hausgarten nicht angewiesen. Die eigene Erfahrung sorgt aber für eine gewisse Demut im Umgang mit frischem Obst und Gemüse. Es steckt viel Arbeit und Konsequenz dahinter, Salat, Äpfel und Kohlköpfe zu erzeugen, die mit dem perfekten Obst und Gemüse im Laden mithalten können.


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Es gibt viele Zielkonflikte

Wissen und Fertigkeiten, die früher in der Gesamtbevölkerung vorhanden waren, finden sich oft nur noch bei den Erzeugern. Demeter-Landwirt Dieter Euler vom Hofgut Lindenberg im hessischen Schlüchtern vermisst zuweilen die Anerkennung seiner Mitbürger: „Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der man denkt, man sei von der natürlichen Produktion unabhängig.“ Seine Frau beklage das auch an der Coronadebatte, wenn ständig von „Homeoffice“ die Rede sei: „Es gibt nicht nur Office!“

Im persönlichen Kontakt in seinem direkten Umfeld erfahre er aber schon Wertschätzung und seine seit Jahren stabilen Lieferantenbeziehungen bestätigen ihn ebenfalls. Die Kehrseite der Medaille, dass wir Lebensmittel im Überfluss zur Verfügung haben, ist der nachlässige Umgang damit. Dr. Thomas Schmidt beschäftigt sich am Thünen-Institut in Braunschweig mit dem Thema „Lebensmittelabfälle“ und wie diese vermieden werden können. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich nicht sicher sagen, dass in den letzten Jahren mehr oder weniger weggeworfen wurde. Die Studien dazu seien nicht miteinander vergleichbar.

Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten

Fest steht, dass mehr als die Hälfte der Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten anfällt. Ältere Bevölkerungsgruppen gehen sorgsamer mit Lebensmitteln um. Eine Untersuchung der Welternährungsorganisation FAO hat zudem gezeigt: In den reichen Industrieländern wird in privaten Haushalten mehr weggeworfen als in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wertschätzung lasse sich auch nicht messen, erklärt der Forscher, es gebe nur Indikatoren. Immerhin sei die App „Zu gut für die Tonne“ des Bundesernährungsministeriums sehr beliebt:

Der Google Play Store weist mehr als 500.000 Downloads für diese Smartphone-Anwendung aus. Die App gibt Tipps für den richtigen Umgang mit Lebensmitteln und bietet eine große Rezeptdatenbank, die helfen soll, Reste zu verwerten. Im Zuge der Pandemie hat sich das Verbraucherverhalten geändert: „Es wird mehr gekocht, mehr eingekauft, die Aufmerksamkeit und die Kompetenzen sind damit eher unterstützt worden“, erklärt Schmidt.

Es gibt also Interesse und Aufmerksamkeit für das Thema „Abfallvermeidung“, aber auch viele Zielkonflikte. Thomas Schmidt ist selbst hin- und hergerissen: Einerseits findet er es wünschenswert, dass sich die Verbraucher Kompetenzen aneignen und über den eigenen Umgang mit Lebensmitteln lernen, diese wertzuschätzen, andersherum weiß er, dass ein Großverarbeiter Ressourcen besser verwertet: „Es ist schon so, dass Profis besser mit Lebensmitteln umgehen können. Die wissen, wie sie am wenigsten abschneiden. Gute Hotels kaufen schon einmal einen ganzen Fisch ein. Die haben einen Koch, der ihn perfekt auseinandernehmen kann. Alles wird verwertet, Kopf und Schwanz kommen auf den Kompost oder werden im besten Falle vergärt. Auf der anderen Seite kann er auch Filets einkaufen, so wie wir das auch tiefgefroren kennen. Dann hat es der Zulieferer filetiert und verbraucht nahezu alles. Nur ein Prozent landet dann noch in der Tonne.“

Der Begriff Industrie ist meist negativ konnotiert

Das bestätigt Christoph Minhoff, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie: „Viele müssen sich von Klischees verabschieden. Der Begriff Industrie ist meist negativ konnotiert. Die industrielle Verarbeitung ermöglicht jedoch effiziente und nachhaltige Prozesse, die andere gar nicht leisten können.“ Natürlich sind auch in der Pandemie Convenience-Produkte sehr gefragt gewesen. Von den Verkaufszahlen her sei unter anderem das Fischstäbchen der Krisengewinner gewesen. Wertschätzung ist für Minhoff vor allem auch eine Frage der Kommunikation: „Wenn Sie jeden Tag der Kampagne gegen verarbeitete Lebensmittel ausgesetzt sind, dann glauben Sie das irgendwann“, und ergänzt: „Wenn ich sehe, welcher Aufwand betrieben wird, um beispielsweise eine Tiefkühlpizza, die den modernen Anforderungen der Ernährungswissenschaft entspricht, zu entwickeln, herzustellen sowie am Markt zu platzieren. Und wenn ich das mit dem Pizzabäcker um die Ecke vergleiche, finde ich, dass auch Unternehmen Respekt für ihre Arbeit und ihr Angebot verdient haben.“

Lebensmittel als Mittel zum Leben

Minhoff ärgert sich über den offensichtlichen Widerspruch zwischen den verschiedenen Erwartungshaltungen: „Die Menschen wünschen sich die Küchenkompetenz aus guten alten Hauswirtschaftszeiten und ignorieren dabei die gleichberechtigte Arbeitswelt der Jetztzeit.“ In einem Punkt aber herrscht Konsens. Wir müssen Lebensmittel wieder im Wortsinn begreifen und schätzen: als Mittel zum Leben.

Koch Michael Schieferstein
Seit 30 Jahren kämpft der gelernte Koch Michael Schieferstein gegen den Wegwerfwahnsinn: „Nur wer mit wertvollen Lebensmitteln umzugehen gelernt hat, weiß sie auch zu schätzen.“

Der Umgang mit Lebensmitteln gehört auf den Lehrplan

Michael Schieferstein ist Küchenmeister und Gründer des Vereins FoodFighters, der sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzt. Schieferstein fordert, dass der Umgang mit Lebensmitteln auf den Lehrplan der Schulen gehört, und zwar kontinuierlich. Er gibt Kochunterricht und verwertet „aussortierte“ Lebensmittel. Der Experte für Nahrungsmittel und Konsum plädiert für eine tägliche Zusammenkunft in den Familien zum gemeinsamen Kochen und Essen. „Das findet zu wenig statt“, beklagt er, „weil sich die Menschen dafür die Zeit nicht nehmen.“ Seine Tipps für einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln:

  • Häufiger einkaufen und nur das an frischer Ware mitnehmen, was auch umgehend verzehrt wird
  • Nicht mit Hunger, aber mit Einkaufszettel einkaufen
  • Die eigenen Vorräte im Blick behalten, keine Hamsterkäufe
  • Auf die eigenen Sinne verlassen bei der Entscheidung, ob etwas noch gegessen werden kann, das abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Ausschlusskriterium
  • Reste kreativ verwerten
    www.michael-schieferstein.de
    www.foodfighters.biz

Wie sich tegut… engagiert

Lebensmittelverschwendung vermeiden und Resteverwertung fördern sind die Ziele von tegut…

  • Exakte Warenbestellungen und kurze Lagerzeiten in den Logistikcentern verhindern große Restmengen
  • Bis zu 50 % Preisnachlass für Produkte mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum reduziert die Abfälle
  • Aus Restabfällen wird Biogas hergestellt
  • Die tegut… Broschüre „Weniger wegwerfen. Mehr Wert schöpfen“ gibt Tipps und liefert Rezepte, wie Lebensmittelreste zu leckeren neuen Gerichten verwertet werden können.
    tegut.com/e-book/weniger-wegwerfennachhaltigkeitsbroschuere

Lebensmittel, die in Deutschland in den Müll wandern: 75 kg pro Kopf

Das Hauptproblem: Wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Lebensmittels abgelaufen ist oder beispielsweise das Gemüse nicht mehr ganz frisch aussieht, landet es oft im Müll – dabei wäre das meiste noch genießbar. Vor allem Single- und Zweipersonenhaushalte werfen Lebensmittel weg.

Von Susanne Günther

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