1. April 2020 Category Icon

Vier Beispiele für nachhaltiges Wachstum

Nicht mehr, sondern besser!

Wir leben über unsere Verhältnisse: Die Menschheit verbraucht die natürlichen Ressourcen der Erde schneller, als sie nachwachsen. Derzeit so, als hätten wir 1,6 Erden zur Verfügung. Zeit also, Ideen zu pflanzen: eine Betrachtung und vier beeindruckende Beispiele für nachhaltiges Wachstum.

Heuschrecken schmecken wie Erdnüsse. Mit Avocadocreme und Chili-Dip serviert gelten sie in Mexiko als Delikatesse. Das kommt uns vermutlich seltsam vor – noch. In vielen asiatischen und afrikanischen Ländern ist das Essen von Insekten seit jeher nichts Besonderes. Und auch in unserer westlichen Welt sollen sie irgendwann ein normaler Teil unseres Speiseplans sein – zumindest, wenn es nach der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht. Die Sechsbeiner benötigen wenig Ressourcen und liefern wichtige Nährstoffe, vor allem Proteine, sodass die ökologisch desaströse Fleischtierzucht zurückgefahren werden könnte. Insekten sind ein gutes Beispiel dafür, dass anderes Wachstum möglich ist: nicht immer mehr, sondern immer besser. Besser durch weniger Verbrauch zum Beispiel.

Mittelfristig wird es nicht anders gehen. Denn will unsere Volkswirtschaft weiter wachsen, muss sie sich ändern. Vor allem die Landwirtschaft hat ein Umdenken vor sich, denn sie ist einer der wichtigsten Schlüssel für Nachhaltigkeit. Die FAO schätzt, dass der Bedarf an Nahrungsmitteln bis 2050 um 50 Prozent steigt, denn die Weltbevölkerung wächst pro Jahr um rund 80 Millionen Menschen. Der verfügbare Boden aber nimmt ab. Mickrige 60 Zentimeter dick ist die fruchtbare Humusschicht unseres Planeten im Schnitt – und unter Rekordernten und Monokulturen schwindet sie rasant dahin.

Ein Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen ist schon weg, erodiert, das meiste in den letzten Jahrzehnten. Und das keinesfalls nur in sogenannten Drittweltländern, im Gegenteil: Auch hierzulande verschwindet guter Boden bis zu zehnmal schneller, als sich neuer bildet. Bis zu 300 Jahre benötigt die Natur hierzulande für einen Zentimeter Humus.

Viele Experten – zum Beispiel der Weltagrarrat – sind der Meinung, dass eine ökologische Landwirtschaft keinesfalls ein Luxus für Reiche ist, sondern durchaus in der Lage, 
die Welt zu ernähren. Und ganz nebenbei auch noch das Klima zu stabilisieren, weil ökologisch bearbeitete Böden mehr vom Treibhausgas Kohlenstoffdioxid binden als andere. Ein Trick für Letzteres heißt: Biodiversität auf dem Feld. Eine Landwirtschaft mit Drei-Felder-Wirtschaft, die dem Boden zwischendurch Zeit gibt, zu ruhen, unterstützt diese Einlagerung. In den USA ist dieses uralte Prinzip als „Carbon Farming“ bereits wieder trendy. Eine auf Fruchtfolge, Mischkultur und Untersaat basierende Bewirtschaftung sowie Gründüngung tragen zudem zum Aufbau und Erhalt der Humusschicht bei.

Boden gutmachen: Verzicht auf Kunstdünger und Pestizide

Wenn sie wissenschaftlich betreut wird, hat die ökologische Landwirtschaft sogar noch Steigerungspotenzial. Vor einigen Jahren lief auf den Philippinen ein Versuch, der die Erträge von konventionell und ökologisch wirtschaftenden Bauern verglich. Letztere bekamen Unterstützung von Agrarwissenschaftlern, so konnten sie ihr Saatgut selbst züchten und alte Sorten pflanzen, die besser an die lokalen Bedingungen angepasst sind. Und siehe da: Die Erträge waren gleich hoch. Und obendrein standen die Öko-Bauern besser da, weil sie weder Kunstdünger noch Pestizide kaufen mussten. Das nennt man „Boden gutmachen“ im doppelten Sinne.

Aber auch ganz ohne Wissenschaftler kann jeder von uns zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen Landwirtschaft beitragen – durch unsere Ernährung. Und die muss nicht einmal vegan, also ohne tierische Nahrungsmittel sein. Die schlechte Klimabilanz der Rinderzucht entsteht nämlich weniger durch die Tiere selber, als vielmehr durch die Massentierhaltung mit artfremder Getreidefütterung, Anbau, Dünger, Transport. Weidehaltung dagegen nutzt das Land, ohne es zu zerstören, sie fördert die Humusbildung und diese wiederum die Bodenfruchtbarkeit. Weniger Fleisch und wenn, dann gutes – ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip.

Niemand muss hungern

Eigentlich müsste auf der Erde schon jetzt niemand hungern: 2010 lag die weltweit täglich produzierte Kalorienmenge bei 5359 pro Mensch – doppelt so viel, wie man zum Leben braucht. Zwar erwirtschaften moderne Bio-Bauern etwa ein Fünftel weniger als ihre konventionellen Kollegen, aber selbst wenn alle auf Öko umstellen würden, gäbe es – rein rechnerisch – immer noch genug zu essen. Wir müssten dann einfach nur aufhören, Lebensmittel wegzuwerfen. Heute wandert gut ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel in den Müll, in den Entwicklungsländern aufgrund mangelnder Infrastruktur, in den Industrieländern, weil Gemüse nicht schön genug aussieht oder die Leberwurst im häuslichen Kühlschrank vergessen wurde. Wer also einen kleinen Beitrag zu nachhaltigem Wachstum leisten möchte, versucht sich mal im „No waste cooking“, bei dem Reste konsequent und kreativ verwertet werden. Es macht Spaß, ist lecker – und einfacher geht’s nicht

Nachhaltiges Wachstum in der Stadt: Ein Hamburger Start-up züchtet Salat, Kresse und Kräuter in Laborschränken

Gut 80 Kilogramm Salat ernten Isabel von Molitor und Mark Korzilius jeden Tag – in einer fensterlosen 1200-m2-Halle nahe dem Hamburger Hauptbahnhof, ohne Sonne, ohne Erde. Ihr Start-up „Farmers Cut“ ist eines jener Projekte, die mit Indoor-Farming die Versorgung mit frischem Gemüse revolutionieren könnten. „Wir holen einfach die Farm in die Stadt!“, sagt Mark Korzilius. In vertikalen Gewächshäusern wachsen seine über 80 Salatsorten und Kräuter in Nährlösung und unter LED-Licht – ganz unabhängig vom Wetter. Pestizide sind nicht nötig, der Wasserverbrauch ist extrem gering.

Mark Korzilius und Marketing-Expertin Isabel von Molitor
Da haben wir den Salat, frisch und knackig aus dem Laborschrank: Der Ex-Gastronom Mark Korzilius und Marketing-Expertin Isabel von Molitor mit Produkten ihrer Indoor-Farm | Foto: Philip Jung

Ökologisch sind auch die kurzen Wege: Im Schnitt werden frische Lebensmittel 2400 Kilometer durch die Gegend gefahren – Indoor-Farming vermeidet diesen Energieaufwand. Alles, was die Pflanzen in ihrem Lebenszyklus brauchen, ist in einem sogenannten Pflanzenrezept programmiert, das automatisch abläuft. Geplant ist nicht nur der Verkauf ab Hof, sondern auch die Lieferung an Gastronomen und Stände auf Wochenmärkten. „Und irgendwann“, so Mark Korzilius, „sind wir Teil eines weltumspannenden Netzwerks von Indoor-Farmen, das ist unsere Mission!“ farmerscut.com

„Indoor-Farming braucht keine Pestizide, wenig Dünger und kaum Wasser.“

Nachhaltiges Wachstum für Schokolade

Ritter Sport baut Kakao in Nicaragua nachhaltig an Schokolade schafft nicht nur Glücksgefühle – sie schafft auch eine Infrastruktur. Zumindest, wenn man es richtig macht. Und das will Andreas Ronken, Geschäftsführer von Ritter Sport. 2012 kaufte das schwäbische Familienunternehmen 2500 Hektar brachliegendes Weideland in Nicaragua, um auf der Plantage „El Cacao“ selbst Kakao anzubauen. Bis dahin hatte es all seinen Rohstoff bei konventionellen Lieferanten gekauft. Fünf Millionen Euro investiert Ritter Sport jährlich in den nachhaltigen Kakaoanbau – und damit auch in die Infrastruktur der Anbauregion. Ließ bislang rund um „El Cacao“ 70 Kilometer Straßen bauen und Drainagen anlegen.

Kakaobohnen
Der Anfang einer langen Freundschaft: Kakaobohnen | Foto: Shutterstock

Anderthalb Millionen Kakaobäume wurden gezogen und ein Weg gefunden, um Kompost herzustellen, damit der pH-Wert des Bodens reguliert werden kann. In diesem Jahr steht endlich die erste Ernte an. „Dass es so schwierig sein würde, hatten wir nicht erwartet“, sagt Ronken, „aber Aufgeben war nie eine Option.“ Zumal der Aufwand auch ökonomisch sinnvoll ist. Denn der Weltmarktpreis für Kakao schwankt regelmäßig stark. Das ist riskant, wenn man wie Ritter Sport drei Millionen Kakaofrüchte im Jahr braucht. Planen kann man besser, wenn man unabhängig ist und den Rohstoff selbst erzeugt. Bereits seit 1990 unterstützt Ritter Sport zudem die Kleinbauern Nicaraguas mit Ausbildung und fairen Preisen – auch das ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeit. ritter-sport.de

Andreas Ronken hat eine Vision: Kakaoanbau geht auch fair und nachhaltig

Nachhaltiges Wachstum auf dem Acker

Der Biologe Dr. Marcel Thieron hat ein Produkt entwickelt, das eine Revolution auf dem Gebiet des Pflanzenschutzes auslösen könnte

Sie arbeiten an „aqua.protect“ – was ist das?
Eine neue Art Öko-Pflanzenschutz. Man muss wissen, dass es auch dem Bio-Landwirt erlaubt ist, Pflanzen- schutzmittel einzusetzen, und zwar solche mit Kupfer, um zum Beispiel Pilzkrankheiten zu regulieren. Leider reichert sich das Schwermetall im Boden an und kann die Organismen dort negativ beeinflussen. Daher habe ich mir zwei Fragen gestellt.

Und zwar?
Gibt es wirklich keine Alternative zu Kupfer? Wie bekämpfen andere Bereiche unerwünschte Mikroorganismen?

Was haben Sie gefunden?
Die Antwort ist in der Lebensmittelhygiene: „Elektro- Chemische Aktivierung“. Dafür wird Wasser mit 0,03 Prozent Kochsalz versetzt und einer Elektrolyse unterzogen. Salz wird dabei nur wegen seiner elektrostatischen Leitfähigkeit und der chemischen Reaktion verwendet, bei der sich Sauerstoff aus dem Wasser mit dem Salz verbindet.
Das Wasser bekommt so eine desinfizierende Wirkung und kann Keime, Bakterien, Viren und Sporen abtöten. Für höher entwickelte Lebewesen, die eine andere Zellmembran haben, ist es völlig unschädlich. Wir testen das jetzt seit Jahren auf Feldern im ganzen Bundesgebiet (mehrere Universitäten sind beteiligt, das Bundesagrarministerium fördert uns). Und siehe da: Es funktioniert hervorragend! Und es gibt einfach überhaupt keine Rückstände.

Überhaupt nichts?
Eine minimale Menge Kochsalz, ist jedoch zu vernachlässigen, wie wir am Beispiel eines Kartoffelackers ausgerechnet haben: In 3200 Jahren würde mit unserem Mittel nur so viel Salz auf einem Feld landen, wie sonst in einem Jahr mit Düngemitteln. Zurzeit befindet sich aqua.protect noch in der Testphase, wir hoffen auf eine Zulassung in drei Jahren. aquaagrar.com

Dr. Marcel Thieron ist dabei, mit aqua.protect seine Vision zu verwirklichen: Pflanzenschutz mit elektrochemisch aktiviertem Wasser

Öko-Pflanzenschutz
Foto: Shutterstock

Nachhaltiges Wachstum unter Wasser

Seit über 100 Jahren züchtet Familie Rameil Fische, längst auch ganz natürlich und ökologisch.

Wenn Fische lächeln könnten: Die der Familie Rameil würden es tun, denn ihre Teiche sind ein kleines Fischparadies. Sie liegen in Waldeck, im Einzugsbereich des hessischen Nationalparks Kellerwald-Edersee, und sind außergewöhnlich geräumig: Pro 1.000 Liter wachsen nicht mehr als 10 Kilo Fisch in ihnen heran. Dadurch sind die Lebensbedingungen so natürlich wie möglich. Die Tiere haben genügend Raum, sich in Schwärmen zu gruppieren oder aus dem Weg zu schwimmen.

Waldecker Fischzucht
Frühstück ist fertig: Die Tiere in den Anlagen der Waldecker Fischzucht leben nicht nur unter naturähnlichen Bedingungen, sie bekommen auch nur bestes, gentechnikfreies Futter | Foto: Shutterstock

„Wir wollen nachhaltig wertvolle Lebensmittel herstellen.“

Das Familienunternehmen züchtet in erster Linie Forellen, aber auch Hechte, Karpfen und Zander. Die Idee dahinter: nur den Fisch züchten, der sowieso in der Region vorkommt und an Klima und Witterung perfekt angepasst ist. „Wir wollen einfach nachhaltig wertvolle Lebensmittel herstellen“, sagt Walter Rameil, „und es geht uns um eine möglichst fischfreundliche Aufzucht.“ Weil die Gewässer auf rund 400 Metern Höhe liegen, werden sie von entsprechend kühlen und sauberen Quellen gespeist. Nicht nur die jungen Fischsetzlinge wachsen zunächst in flussähnlichen Kanälen mit Kiesbett heran, auch die erwachsenen Tiere leben in Fließgewässern. Die Strömung macht die Fische nicht nur froh, sondern

Lesen:

  • „Food Crash“: Felix zu Löwenstein ist überzeugt, dass ökologische Ernährung die Welt sowohl retten wie ernähren kann.
  • „Die Wegwerfkuh“: Tanja Busse kritisiert nicht nur Miss- stände, sondern zeigt auch Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft auf.
  • „Wir sind dran“: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen – der große Bericht des Club of Rome.

Ansehen:

  • „More than Honey“: Markus Imhoof verfolgt das Schicksal von Bienen, von der eigenen Familienimkerei bis hin zu industrialisierten Honigfarmen und Bienenzüchtern. Mit spektakulären Aufnahmen öffnet er den Blick auf eine Welt jenseits von Blüte und Honig, die man nicht so schnell vergessen wird.
  • „Food, Inc. – Was essen wir wirklich?“: Für den Oscar nominierte Doku, die angenehm unaufgesetzt aufklärt, ohne unnötig zu dramatisieren.
  • „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“: Valentin Thurn sucht weltweit nach Lösungen, er besucht Bio-Bauern und Lebensmittelspekulanten, Laborgärten, Fleischfabriken und Kleinbauern in Indien.
Von Philipp Kohlhöfer

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