20. Dezember 2021 Category Icon

„Wenn ich immer nur warte, dass die anderen den ersten Schritt machen, kommt die Welt nicht voran.“

tegut… Chef Thomas Gutberlet über Werte, Bio-Lebensmittel, private Flugreisen und die nachhaltige Zukunft des Unternehmens.

tegut... Firmenzentrale Fulda
Viel Orange, viel Rund, viel Glas: die Firmenzentrale von tegut… in Fulda | Foto: Martin Engel

Ihr Vater Wolfgang bot vor 40 Jahren als einer der Ersten Bio-Lebensmittel neben konventioneller Ware an – und gab trotz schwacher Verkaufszahlen nicht auf.
Mein Großvater hatte das Geschäft mit Kaufmanns-Knowhow und Menschenkenntnis aufgebaut. Mein Vater kam zur richtigen Zeit, als das Unternehmen wuchs und betriebswirtschaftliche Strukturen notwendig wurden. Seine erste Frage lautete: Wie ist das Unternehmen im Sozialen aufgestellt? Und die zweite: Was verkaufen wir eigentlich? Wir wohnten in der Rhön auf einem Bauernhof, der nebenerwerbsmäßig mit Rindern und Schafen bewirtschaftet wurde. So kam er auf Bio. Die logische Konsequenz: Wenn ich das als besser für mich erachte, dann müssen wir das auch verkaufen. Den Plan hat er mit Zähigkeit und Leidenschaft verfolgt.

Bio haben heute alle im Angebot. Was unterscheidet tegut… von anderen Supermärkten?
Wir glauben, dass Bio-Lebensmittel einen wichtigen Teil in der Ernährung der Bevölkerung darstellen. Wir sind aber auch der Ansicht, dass man auch den konventionellen Bereich weiter positiv entwickeln kann. Per Knopfdruck zu sagen, jetzt ernähren sich alle Bio, wird nicht funktionieren. Man muss die Menschen mitnehmen. Deshalb spielen bei uns auch Zwischenprogramme so eine wichtige Rolle. tegut… LandPrimus Fleisch zum Beispiel. Das ist in einigen Punkten wie Bio-Fleisch, weil es zum Beispiel keine Antibiotika enthält, aber die Landwirte dürfen Dinge einsetzen, die bei Bio nicht erlaubt sind. In seinem ersten Leitbild hatte mein Vater es so formuliert:

Wie gehen wir verantwortlich mit den Ressourcen um? Damit meinte er das Sortiment und die Natur. Den Begriff „nachhaltig“ gab es ja noch nicht. Diese Haltung gehört zur DNA von tegut… Übrigens schon bei meinem Großvater, damals aus der Not heraus. Nach dem Krieg wurde nichts weggeschmissen, man versuchte, mit allem möglichst schonend umzugehen. Heute müssen wir den Weg aus Einsicht und Notwendigkeit gehen.

Thomas Gutberlet
Firmenchef in dritter Generation: Thomas Gutberlet übernahm tegut… 2009 von seinem Vater Wolfgang | Foto: Martin Engel

tegut… setzt traditionell auf Nachhaltigkeit. Ist das Unternehmen mit seinen Werten moderner denn je?
Ich würde sagen: zeitgemäß. Wir haben das bisher gut hingekriegt mit Bio, Tierwohl, Verpackungsvermeidung und so weiter, wir haben wahrscheinlich ein bisschen mehr richtig als falsch gemacht. Aber wichtiger ist mir die Frage: Wie reagieren wir als Unternehmen auf die neuen Herausforderungen?

Zum Beispiel?
Was uns derzeit beschäftigt: Wie kriegen wir künftig die Logistik noch besser hin? Wir werden schon bald Lkws mit sonnenkraftbasiertem Wasserstoff ausprobieren. Das Zweite: Wie kommen wir mit mehr gebrauchten Gebäuden und Baustoffen aus? Wir erleben die Knappheit von Sand und Stahl. Beton ist ein sehr großer CO2-Verbraucher. Die Baugrundlagen rücken in den Fokus. Hier müssen wir Antworten finden. Im Sortiment sehe ich uns gut aufgestellt.

Bio-Lebensmittel tegut...
Bereits vor 40 Jahren wurden die ersten Bio-Lebensmittel angeboten, heute haben über 4.600 Bio- Produkte einen Umsatzanteil von rund 30 Prozent | Foto: Getty Images

Wie nachhaltig leben Sie und Ihre Familie persönlich?
Vor Kurzem haben wir mal eine Woche ausprobiert, nur das zu essen, was bei uns zu Hause auf dem Hof wächst. Das hat gut geklappt. Und wie viele tolle Rezepte es gibt für das, was die Natur gerade anbietet!
Ich versuche, Fleisch in Maßen zu genießen. Ansonsten: Meine Frau fährt nur noch elektrisch. Ich hatte den ersten Hybrid, den es von Mercedes überhaupt gab. Jetzt freue ich mich auf ein vollelektrisches Modell. Wir haben Fotovoltaik auf dem Dach. Es ist ein Privileg, Dinge ausprobieren zu können, und wir nutzen das auch.

Urlaube mit dem Flugzeug sind gestrichen?
Da wir nie viel geflogen sind, empfinde ich das nicht als Verzicht. Wir sind einmal geflogen, als unsere heute 13-jährige Tochter gerade zur Welt gekommen war, und haben uns vor drei Jahren eine Reise nach Nepal gegönnt. Letztes Jahr sind wir zu Fuß über die Alpen gewandert. Zur Haustür raus, zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle, zum Bahnhof und in die Berge. Aber ich mache keinem einen Vorwurf, der sagt, er braucht jetzt diese Auszeit. Dafür verzichtet er vielleicht auf andere Dinge. Trotzdem müssen wir uns fragen, wie wir den Genuss an anderer Stelle hinkriegen.

Theo Gutberlet
Theo Gutberlet eröffnete 1947 in Fulda sein erstes Lebensmittelgeschäft. Inzwischen gibt es rund 290 Filialen mit ca. 8.000 Mitarbeitenden

Was antworten Sie Menschen, die sagen: Das persönliche Verhalten hat sowieso keinen messbaren Einfluss auf das Klima?
Natürlich spielt das weltweit betrachtet keine Rolle. Wenn aber jeder einen kleinen Schritt in eine Richtung geht, dann spielt es eine riesige Rolle. Wenn ich immer nur darauf warte, dass die anderen den ersten Schritt machen, dann kommt die Welt nicht voran. Deshalb gehe ich mal einen Schritt vor und, wenn die anderen nicht folgen, dann gehe ich noch einen Schritt. Die Welt hat sich immer bewegt, weil einzelne Leute bestimmte Schritte gegangen sind.

Glauben Sie, dass vegetarische Fleischersatzprodukte ein Lebensmittel der Zukunft sind?
Ja, weil wir die Vielfältigkeit unserer Rezepturen nicht vernachlässigen wollen, trotzdem aber schauen, wie wir mit weniger Fleisch auskommen. Wenn ich ein Schnitzel möchte, das auch so ähnlich schmeckt, aber vegan sein soll, dann lande ich bei einem pflanzlichen Ersatzprodukt. Warum auch nicht? Ein vegetarischer Burger, den ich übrigens auch gut selbst herstellen kann, schmeckt, ordentlich gewürzt, kaum anders als die Fleischvariante. Ich halte aber zum Beispiel auch Wildpflanzen für unterschätzt und kann mir vorstellen, dass sie in Zukunft wieder einen größeren Beitrag zur Ernährung leisten könnten.

Auch Wildpflanzen könnten wieder einen größeren Beitrag zur Ernährung leisten.

Verdrängen Milchersatzprodukte aus Hafer, Mandel und Soja den Klassiker von der Kuh?
Milch ist per se nicht schlecht, aber für welches Alter ist sie die richtige Ernährung? Kulturhistorisch wurde Milch für Kinder verwendet, für Erwachsene allenfalls in fermentierter Form. Das Käsemachen ist ja nicht nur ein Haltbarmachen, sondern auch eine Art Vorverdauen. Ein Hartkäse enthält zum Beispiel keine Laktose mehr. Die pflanzlichen Alternativen werden zumindest künftig gleichberechtigt danebenstehen.

Bei tegut… gibt es Pesto aus Algen und Pasta aus Insektenmehl. Können solche Produkte die Welt retten?
Einzelne Sachen können nie die Welt retten. Vielleicht sollte man darüber nachdenken: Was ist eigentlich gut für mich? Wie wirkt sich denn der Fleisch- und/oder Milchkonsum auf mich aus? Möchte ich alt werden und klar denken können und gesund sein? Wie kann ich die Chance zumindest erhöhen? Und da bin ich nach dem Stand der Wissenschaft ganz weit vorne, wenn ich mich entsprechend ernähre und ausreichend bewege. Das positive Denken spielt dabei übrigens auch eine Rolle.

Probieren Sie innovative Lebensmittel selbst aus?
Mit großer Freude. Ich schleppe alle Muster mit nach Hause. Die Pasta aus Insektenmehl waren jetzt nicht so mein Ding. Aber die Entwicklung bei den Algen finde ich sehr spannend. Sie heben auch noch mal zusätzlich die Bedeutung unserer Meere hervor.

tegut... teo
Seit 2020 können Kundinnen und Kunden auch in digitalen, nachhaltigen Selbstbedienungsboxen namens tegut… teo einkaufen

Welche Ziele setzen Sie sich für die Zukunft?
Ich weiß nicht, wo wir in 30 Jahren stehen. Ich kann mich nur fragen: In welche Richtung geht es? Wie nutze ich bestehende Strukturen, wie komme ich an Stellen, wo ich nichts kaputt mache, wie komme ich näher an den Kunden ran, wie mache ich Verkehr unnötig? Unser tegut… teo ist ein gutes Beispiel – komplett digital und mit Selbstbedienung. Mit 950 Artikeln für den täglichen Bedarf auf 50 Quadratmetern verbindet er die Vorzüge eines modernen Nahversorgers mit den Lebensgewohnheiten der Menschen und der Technik des 21. Jahrhunderts. Einige tegut… teo stehen auf Schotter mit Punktfundamenten, sodass sogar das Wasser komplett versickern kann. Wir wollen hier auch Teil der Zukunft sein.

Von Andreas Möller

3 Kommentare zu “„Wenn ich immer nur warte, dass die anderen den ersten Schritt machen, kommt die Welt nicht voran.“”

  1. Wir sind sehr dankbar, daß es TEGUT gibt. Hier können wir mit gutem Gewissen einkaufen
    und sehr gut genießen, was die Natur bietet. Jeder Einkauf ist ein schönes Erlebnis.
    Vielen Dank für Ihre Arbeit !!

    1. Guten Tag Frau Karger, danke für Ihr tegut… Treue und Ihre lobenden Zeilen.
      Es ist schön zu lesen, dass Sie gerne bei tegut… einkaufen. Wir bedanken uns für Ihre Wertschätzung.
      Wir wünschen Ihnen zukünftig weiter angenehme Einkaufserlebnisse und senden
      beste Grüße aus der tegut… Kundenbetreuung.

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