21. Oktober 2019 Category Icon

Wer hätte das gedacht?

Wir modernen Menschen sind offen für Argumente und glauben nichts als die Wahrheit? Von wegen. Ein kleines Dossier über biegsame Tatsachen, Himmelsmächte und Professor Zufall. Und: ein paar kuriose Fakten, perfekt als Partytalk.

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Wann haben Sie das letzte Mal – sagen wir: geschwindelt? Die Fakten ein bisschen zurechtgebogen, nur ein ganz klein wenig? Keine Angst, wir sagen es nicht weiter. Außerdem ist es total normal, jeder tut es dann und wann. In einem deutschen Wirtschaftsmagazin gibt es eine Rubrik, in der erfolgreiche Menschen ihre Karriere resümieren. Und die Story ist immer die gleiche: Es hat so kommen müssen! Ging gar nicht anders. Wir alle ticken so: Im Rückblick erklären wir Geschehenes so, dass sich alles fügt. Chaos, Widersprüche, Zufall? Lassen wir kurzerhand unter den Tisch fallen! Denn was uns antreibt, ist nicht die Suche nach Wahrheit, sondern die nach Sinn.

Erforschung von Wahrscheinlichkeitsmodelle

Weil wir Sinn so dringend brauchen, fällt es uns furchtbar schwer, den schieren Zufall zu ertragen. Lieber legen wir uns eine Deutung zurecht, die wir verstehen und beeinflussen können. Der britische Statistikprofessor David J. Hand, der Wahrscheinlichkeitsmodelle erforscht, kommentiert das ungerührt: „Wenn es um Zufälle geht, denken wir wie Neandertaler.“ Die hielten Blitz und Donner für eine Botschaft von überirdischen Mächten. Und wir, noch im 21. Jahrhundert, deuten den Zufall lieber um in eine mysteriöse Kraft, in Telepathie zum Beispiel oder ein lenkendes Schicksal.

Ein Experiment zeigt: Gelegenheit macht Freunde

Ein Experiment des Psychologen Mitja Back an der Uni Münster zeigt, wie das funktioniert. Er teilte neuen Psychologiestudenten per Los ihre Sitzplätze im Hörsaal zu. Ein Jahr später fragte er sie, wie gut sie mit ihren Kommilitonen befreundet seien. Das kaum überraschende Resultat: Es standen sich diejenigen am nächsten, die nebeneinander saßen. Gelegenheit macht Freunde, lernen wir, nicht etwa Seelenverwandtschaft oder Himmelsmacht. Auch die Wissenschaftler, die Penicillin oder Teflon erfunden haben, Saccharin, Sicherheitsglas oder Viagra – sie hätten diese Produkte garantiert gern als Folge von Genialität, Absicht und Ziel vorgestellt. Waren sie aber nicht. Sondern die von Laborunfällen, schlampigen Versuchsanordnungen – und von Professor Zufall.

„Wenn es um Zufälle geht, denken wir wie Neandertaler.“

Wenn es ihrem Weltbild entspricht, halten Menschen sogar an Theorien fest, die den Fakten völlig widersprechen. Die „Flat Earther“ zum Beispiel sind felsenfest überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist. Sie halten Satellitenfotos vom blauen Planeten für eine Verschwörung, Sonnenauf- und untergang für eine optische Täuschung. Es stört sie nicht, dass selbst die katholische Kirche das nicht mehr glaubt.

1,3 Millionen Deutsche Kreationisten

Noch weit mehr Anhänger – vor allem in den USA – haben die Idee, dass die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich zu nehmen sei. Diese Kreationisten sind überzeugt: Evolution? Hat es nie gegeben! Gott schuf die Erde so, wie sie ist, vor rund 6000 Jahren, basta. Ob er dann auch die Fossilien verbuddelt hat, um uns zu narren, bleibt dabei offen. Das halten Sie für Fake News? Es gibt ernst zu nehmende Schätzungen, dass auch in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen dem Kreationismus anhängen. Es glauben ja auch 13 Prozent der Deutschen an Ufos, wie das Portal „Statista“ ermittelte. Es ist eben leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil, stöhnte schon Albert Einstein.

Unsere Weltsicht

Leicht ist es auch, sich über solch extreme Sichtweisen lustig zu machen oder zu ärgern. Aber man sollte sich nie zu sicher sein, nicht selbst falschen Annahmen aufzusitzen. Zum Beispiel bei der Frage, ob es mit der Welt nun bergab geht oder nicht. Der 2017 verstorbene schwedische Gesundheitsprofessor Hans Rosling wertete Erhebungen von UN-Organisationen aus Jahrzehnten aus. Und siehe da: Ob Bildung, Armut oder Infektionskrankheiten – es ist alles viel besser statt schlechter geworden! Befragte Rosling jedoch Kollegen oder Politiker, stellte er fest, dass diese sicher waren, dass die Welt sich zu einem schrecklicheren Ort entwickelt hätte. In seinem Buch „Factfulness“ (Ullstein 2018) können Sie anhand von 13 Fragen testen, wie es um Ihre eigene Weltsicht steht. Eine behandelt zum Beispiel den Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung. Was schätzen Sie: Hat die Zahl sich in den vergangenen zwanzig Jahren
a) nahezu verdoppelt
b) sich nicht oder nur unwesentlich verändert oder
c) deutlich mehr als halbiert?

Die letzte Antwort ist richtig! Falls Sie falsch getippt haben – Sie befinden sich in guter Gesellschaft. Von 12.000 Menschen in 14 Ländern, die Rosling befragte, lagen nur 9,2 Prozent richtig, in Deutschland sogar nur sechs Prozent. Wie kann das sein? Rosling vermutete, dass das Gehirn uns einen Streich spielt. Es verleitet uns nämlich gern zu einer dramatisierenden Weltsicht – ein Erbe unserer Urahnen, für die das ein Überlebensvorteil war. Raschelt dort ein Kaninchen im Busch – oder doch der Säbelzahntiger? Bei unklarer Faktenlage rettete eher Sorge als Optimismus vor bösen Überraschungen!

Was hilft also gegen die Sturheit unseres Geistes, der Mythen und knackige Fake News offenbar mehr schätzt als dröge Fakten? Die Website mimikama.at zum Beispiel. Sie sammelt enttarnte Falschmeldungen, Phishing-Mails und betrügerische Gewinnspiele. Auch Wikipedia mit den über 48 Millionen Artikeln voller Fakten ist ein unerschöpfliches Korrektiv. Ansonsten empfiehlt sich eine unterschätzte Tugend. Sie heißt: Skepsis.

Kuriose Fakten – perfekt als Partytalk:

„Weibliche Paprikaschoten haben drei Ausbuchtungen, männliche vier. Die weiblichen sind viel süßer.“
Das ist ein Internetquatsch, der nicht totzukriegen ist. Die Blüte der Paprika ist zwittrig, die Frucht kann sich auch durch Selbstbestäubung bilden. Die Paprika hat daher kein Geschlecht.


„Bienen sprechen unterschiedliche Sprachen, eine deutsche Biene würde eine amerikanische Biene nicht verstehen.“
Stimmt. Bienen kommunizieren mit Körpersprache, dem „Tanzen“. Und das unterscheidet sich regional.


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„Lakritz macht impotent.“
Das ist etwas übertrieben. Aber tatsächlich kann der Süßholzsaft den Testosteronspiegel senken und damit die Libido. Dafür müsste ein Mann aber schon ziemliche Mengen verzehren.


„Im Gehirn gibt es mehr Synapsen, als die Milchstraße Sterne hat.“
Man mag es bei manchen Zeitgenossen nicht vermuten, es ist aber wahr. Die Milchstraße wird auf 100 bis 300 Milliarden Sterne geschätzt. Das Hirn eines Erwachsenen hat rund 100 Billionen Synapsen (tausend Milliarden ergeben erst eine Billion).


„Eine mögliche Nebenwirkung bei der Einnahme von Kopfschmerztabletten sind – Kopfschmerzen.“
Kein Scherz. Steht im Beipackzettel für Präparate mit Acetylsalicylsäure (ASS). Dieser Effekt tritt aber nur bei Überdosierung auf.


„Vom weißen Teller gegessen schmeckt Erdbeerkuchen besser.“
Stimmt. Die Farbe des Geschirrs beeinflusst das Geschmacksempfinden, vermutlich hat es mit Kontrasten zu tun, die das Hirn interpretiert.


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„Disneys Bambi ist kein Rehkitz, sondern ein Hirschkalb.“
Stimmt. Schuld ist eine häufige Verwechslung: Das Reh ist nicht die Frau vom Hirsch. Beides sind unterschiedliche Arten. In der Buchvorlage von 1923 stimmt noch alles.

 


„Der Mensch ist zu 50 Prozent eine Fliege.“
Stimmt. Rund 50 Prozent des mensch­lichen Erbgutes ist mit dem von Fliegen identisch oder ihm sehr ähnlich. Kafka scheint das gewusst zu haben. Vom Schimpansen trennt uns übrigens nur 1,3 Prozent Genmaterial.


„Die Mondlandung 1969 fand in Wahrheit im Filmstudio statt, das sieht man daran, dass auf keinem einzigen Bild der Astronauten auf dem Mond Sternenhimmel zu sehen ist.“
Das ist eine der beliebtesten Verschwörungstheorien – aber falsch. Die Sterne werden einfach von dem inten­siven Licht der Sonne auf der hellen Mondoberfläche überstrahlt.


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„Im Eigelb steckt mehr Eiweiß als im Eiweiß.“
Klingt bizarr, ist aber so. Rund 16 Prozent Protein – auch Eiweiß genannt – stecken im Dotter, im Eiklar nur zehn Prozent.

 

 


„Südamerika hat eine geometrisch größere Fläche als der Erdtrabant Pluto.“
Stimmt. Die Oberfläche des Zwergplaneten entspricht mit ihrer Größe von 17,6 Millionen Quadratkilometern knapp der Fläche von Südamerika (17.843.000 km²).


„Das weltweit bekannteste und am häufigsten gesprochene Wort ist o. k. beziehungsweise okay.“
Stimmt, Linguisten sind sich da einig. Es klingt überall gleich, jeder versteht es. Nur woher das Kürzel eigentlich stammt, ist bis heute ungeklärt, es gibt ein Dutzend Theorien.


„Die Dinosaurier sind noch unter uns“!
Nicht ganz falsch. Entwicklungsgeschichtlich ist Ihr Wellensittich einer, ebenso wie jedes Huhn. Alle Vögel haben sich aus der Gruppe der Coelurosaurier entwickelt, das waren leicht gebaute, vogelartige Räuber. Die Dinos sind also nicht ausgestorben, sie haben nur gelernt, zu fliegen.


Live in falschen Welten

  • Unglaubliche Sinnes­täuschungen lassen sich erleben im neuen Hamburger „Museum der Illusionen“. hamburg.museumderillusionen.de
  • Mit einer Virtual-Reality-Brille kann der Besucher des Frankfurter Senckenberg Naturmuseums sich im Dinosauriersaal auf eine Reise in die Zeit vom T. Rex begeben. senckenberg.de
  • Mobiltelefon-Anbieter offerieren Virtual- Reality-Apps, in Kombination mit einer VR-Brille lassen sich in 360°-Videos täuschend echt Events in Sport, Musik oder Entertainment ansehen. Z. B. unter telekom.de
Von Almut Siegert / Angela Oelckers

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