18. Februar 2020 Category Icon

Die Handschrift kehrt zurück

Wenn die Buchstaben tanzen

Auf Tastaturen zu tippen, ist sicher ungeheuer praktisch. Handschrift aber hat eine ewige Magie, die wieder im Kommen ist und die auch unser Kolumnist Peter Praschl nicht missen möchte.

Rückkehr der Handschrift
Illustration: Sören Kunz

Es ist der Weltuntergang, mal wieder. Diesmal steckt er in den Buchstaben a, k, m und o. Nicht weil sie sich zu so unhübschen Wörtern wie Koma oder Amok verbinden lassen. Sondern weil sie sich in Zukunft, von Hand geschrieben, möglicherweise gar nicht mehr miteinander verbinden. Die sogenannte Grundschrift, die immer häufiger Kindern an Schulen beigebracht wird, besteht aus einzelnen Buchstaben, nicht mehr durch Zwischenzüge verbunden.

Die Vorteile des Tippens

Erstaunlich viele Menschen halten diese Entwicklung für bedrohlich. Das Ansinnen, ohne Schleifchen-s auszukommen, ist für sie gleichbedeutend mit der Preisgabe einer Kulturtechnik. Selbstverständlich ist es das. Allerdings handelt es sich um eine Kulturtechnik wie das Reiten. Ganz schön, aber nicht mehr rasend wichtig. Ich zum Beispiel schreibe kaum noch etwas per Hand: Einkaufslisten; hin und wieder Notizen, wenn ich nicht nach dem Handy fummeln will; Briefe, die besonders persönlich wirken sollen; an manchen Tagen meine Unterschrift auf Zahlungsbelegen, an vielen nicht einmal das. Dabei bin ich jemand, der vom Schreiben lebt!

Handschrift-Nostalgiker übersehen gern, wie viele Vorteile das Tippen auf Computertastaturen hat. Texte lassen sich weiterverarbeiten, die Korrespondenzen auf Laptop-Ordnern schneller durchsuchen als jene in weggeräumten Kartons, und die Löschtaste entsorgt missverständliche Formulierungen rückstandslos.

Tippen geht einfach schneller als schreiben

Getippte Liebeserklärungen, Danksagungen und Was-ich-dringend-noch-sagen-wollte-Nachträge lassen sich so impulsiv auf den Weg bringen, wie die Gefühle es verlangen. Und sich per SMS für eine tolle Essenseinladung zu bedanken, geht schneller als ein Brief, den man korrekt frankiert zum Briefkasten bringen muss. Vor allem aber ist die Maschinenschrift zuverlässig lesbar, was von entscheidender Bedeutung sein kann: Nach Berechnungen der National Academy of Sciences sterben in den USA jedes Jahr 7000 Menschen, weil ihre Ärzte unleserliche Rezepte ausstellen.
Andererseits hat das Handschriftliche tatsächlich eine Aura, der ich mich nicht entziehen kann

Die Herzchen auf den Briefen meiner Jugendlieben; die Tagebucheinträge zu Zeiten, als es einem schlecht ging; elterliche Geburtstagsgrüße: All das versetzt mir sofort Erinnerungsstiche. Jede Handschrift ist unverwechselbar, verändert sich im Laufe eines Lebens und bleibt doch charakteristisch, genau wie die Stimme.

Die Lust am Schreiben

Und es ist ja keineswegs so, dass den Menschen die Lust am Schreiben mit der Hand abhandengekommen wäre. Sonst würden nicht so viele Moleskine-Notizbücher verkauft, stünden nicht so viele sorgfältig gesprayte Graffiti-Zeilen an den Wänden, engagierten nicht so viele Musiker Grafiker, die ihnen schöne Schriftzüge aufs Plattencover malen. Volkshochschulen bieten neuerdings Kurse in Kalligrafie an, in Schönschrift also, wo die Teilnehmer sich in Zen-artiger Konzentration der Magie der geschwungenen Linien hingeben.

Die Renaissance des Schreibens

Handschrift überlebt folglich überall, wo ihr etwas eigen ist, das Maschinenschrift nicht hat: ästhetische Schönheit, private Anmutung, emotionale Kraft. Man könnte auch sagen: als Schrift-Bild. Falls man nicht darauf beharrt,
dass sie nur an der Spitze eines Stiftes entsteht, führen vielleicht Tabletcomputer zu einer Renaissance des Schreibens mit der Hand. Auf ihren Touchscreens folgen ja die Linienschwünge oft den Bewegungen der Finger. Ist es nicht völlig gleichgültig, wie die Buchstaben in die Welt kommen – wenn man sie nur tanzen lässt?Peter Praschl

Peter Praschl ist Journalist und Autor, er schreibt u. a. für die „Welt am Sonntag“, das „GQ“-Magazin, das „SZ-Magazin“ oder das Kulturmagazin „Cargo“. Und das natürlich am Computer, seine eigene Handschrift „ist daher leider etwas verlottert“, klagt er. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

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Von Peter Praschl

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