15. August 2019 Category Icon

Immer schön langsam!

Tugenden wie Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit sind in der Hektik des modernen Alltags irgendwie untergegangen, führen aber oft besser zum Ziel. Wusste doch schon der alte Römer Ovid: „Gutta cavat lapidem“ (Steter Tropfen höhlt den Stein) …

Paar mit Waldblick
Der Wald scheint wie ein Ausweg aus allem, was den modernen Menschen bedrängt | Foto: Stocksy

In Deutschland gibt es fast zwei Millionen Waldbesitzer, und jedes Jahr kommen 65.000 hinzu. Die allermeisten erben nur winzige Areale, würden sich aber nie davon trennen, auch wenn sie zu weit weg wohnen, um ihre paar Bäume auch nur anzusehen. Lieber kaufen sie „Wohllebens Welt“, die Zeitschrift des Försters und (unverhofften) Bestsellerautors Peter Wohlleben.

„Das geheime Leben der Bäume“ heißt das Buch, das offenbar eine tiefe Sehnsucht bedient. Wie auch Wald als Geldanlage, die als „Wertanker“ vermarktet wird: ein sicherer Halt in ungewissen Zeiten. Wurzeln, die tief im Boden ankern. Stehvermögen, ganz wörtlich.

Der Wald als Gegengewicht zum hektischen Alltag

Die sentimentale, vielleicht auch romantische Neigung zum Wald ist sicher ein Zeitzeichen. Wer Bäume pflanzt oder einen Wald hegt, denkt in Generationen. Der Wald scheint wie ein Ausweg aus allem, was den modernen Menschen bedrängt: Hektik, Ungeduld, Stress. Alles soll und muss schnell gehen, Zeit ist Geld. Das digitale Zeitalter hat die Sache noch einmal beschleunigt: Menge und Frequenz an Information, Interaktion, Reaktion. Das ist so zermürbend, dass sich mit „Entschleunigung“ fast alles verkaufen lässt, das nur ein wenig Innehalten, oft auch Rückzug verspricht.

Aber Rückzug, Flucht aus dem Alltag, ist keine Haltung, die uns – einzeln und als Gesellschaft – weiterbringt. Vielmehr geht es darum, sich mit Verantwortung Zeit zu nehmen. Kein Bereich verdeutlicht das besser als die Herstellung von Nahrung. Sie hat mit Umweltproblemen zu tun (Fleisch!), mit Gesundheit, mit Gerechtigkeit (Hunger auf der Welt). Und die, die sich dabei Zeit lassen, weisen die Richtung.

Sich Zeit lassen – zum Beispiel beim Backen

Teig kneten
Lange Teigführung verbessert die Qualität und macht das Brot bekömmlicher. | Foto: Shutterstock

Zum Beispiel beim Backen. Dass auch die billigsten Industriebrötchen ziemlich proper aussehen, liegt an sogenannten technischen Enzymen. Hilfsmittel, die alle – auch Bio-Bäcker – einsetzen dürfen, ohne sie angeben zu müssen. Immer mehr Bäcker wollen es aber nicht, denn diese Enzyme hinterlassen ein schales Gefühl. Nicht weil sie schädlich wären, darüber weiß man nicht viel. Sondern weil der Bäcker mit mehr Zeit das gleiche, womöglich ein noch besseres Ergebnis erzielen könnte. Das erfordert viel Geduld bei der Führung des Sauerteigs, viel Ausprobieren bei den Zutaten, Feingefühl bei der Verarbeitung.

Auch Wein braucht Zeit

Oder im Weinbau. Hier gibt es immer mehr Winzer, die lange lagerfähige Weißweine herstellen. Das sind solche, die von der Qualität der Trauben und der Komplexität des Aufbaus her ohnehin sehr gut sind. Neben Schwefel- und Alkoholgehalt und dem optimalen pH-Wert brauchen sie bei ihrer Reifung vor allem: mehr Zeit.

Oder in der Landwirtschaft überhaupt. Es ist aufwendig, künstlichen durch natürlichen Dünger zu ersetzen. Doch der Trend zu Bio-Lebensmitteln ist seit Jahren stark, 2018 wurden wieder 5,5 Prozent Wachstum verzeichnet. Und das ist hoffentlich unumkehrbar.

Und natürlich beim Kochen und Essen. Die geduldige Zubereitung ist geschmacklich ein Gewinn, und wer langsam isst, nimmt besser wahr, wann er satt ist. In Ruhe essen kann daher sogar der Figur zugute kommen. Es empfiehlt sich, kleine Bissen in den Mund zu schieben, lange zu kauen und zwischendurch das Besteck zur Seite zu legen. Größere Aufmerksamkeit für Mahlzeiten steigert den Genuss und fördert die Wertschätzung von Lebensmitteln.

Womöglich ist der Ernährungssektor anderen Sphären des Lebens ein Stück voraus bei der Rückbesinnung auf Geduld und langen Atem. Im Profifußball, in vielem ein Abbild der Gesellschaft, spricht man gern davon, Talente „reifen“ zu lassen, tut es dann aber nicht. Wer mit 19 Jahren noch nicht so weit ist, wird aussortiert. Das Gleiche gilt für das Schulsystem. Spätentwickler und eher langsame, bedächtige Kinder brauchen Glück, um nicht durch den Rost zu fallen. Schon die frühe Kindheit ist von Leistung, Optimierung und Zeitdruck geprägt.

Größere Aufmerksamkeit für Mahlzeiten steigert den Genuss und fördert die Wertschätzung von Lebensmitteln.

Zeitforscher Karlheinz Geißler
Zeitforscher Karlheinz Geißler, 74, hat seine Armbanduhr vor 30 Jahren abgelegt. Er sagt: „Uhren sind moderne Diktatoren.“

Der Münchner Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler ist der bekannteste Zeitforscher des Landes und hat seine Armbanduhr vor 30 Jahren abgelegt. „Die Verrechnung von Zeit in Geld macht die Zeit schnell“, sagt Geißler. Das störe das natürliche, angeborene Zeitsystem: „Mit dem eigenen Rhythmus zu leben ist ganz wichtig, damit der Mensch gesund bleibt und sich wohlfühlt. Das Geld kennt diesen Rhythmus nicht.“
Doch vielleicht kommt Besserung aus einer Entwicklung, die sich zunächst wie eine Krise anfühlt. Denn wir werden mehr Zeit haben, nicht weniger: Digitalisierung und künstliche Intelligenz machen menschliche Lebenszeit frei, kosten sicher auch Arbeitsplätze, gefährden aber nicht notwendigerweise unseren Wohlstand. Es kommt darauf an, was wir anfangen mit der geschenkten Zeit.

Aber nicht alles hat Zeit. „Fridays for Future“, die welt­weiten Schülerdemonstrationen aus Angst vor dem Klimawandel, erinnern uns daran, dass Geduld – die ja auch eine passive, nur abwartende Haltung sein kann – nicht immer richtig ist. Die Jungen sind ungeduldig, aus guten Gründen. Was zur Rettung des Planeten nötig ist, muss zwar in Ruhe, aber dringend und schnell entschieden werden. Der notwendige Wandel bei Mobilität und Konsum wird uns tatsächlich „entschleunigen“. Das muss nicht schlecht sein.

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Von Raimund Witkop

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